Was AfD-Wähler tatsächlich bewegt
Protest, Überzeugung oder etwas ganz anderes? Eine nüchterne Analyse der Daten – und 10 Gründe, warum die etablierten Parteien scheitern.
66 % der AfD-Wähler sagten 2025: Ich habe sie aus Überzeugung gewählt. Die Erklärung 'Das sind hauptsächlich Protestwähler' ist so nicht mehr haltbar. Eine datenbasierte Analyse.
Was passiert?
Bei der Bundestagswahl 2025 fragte Infratest dimap AfD-Wähler, welches Thema für ihre Wahlentscheidung die größte Rolle spielte:
- Zuwanderung / Flucht: 46 %
- Wirtschaft: 18 %
- Innere Sicherheit: 16 %
- Soziale Sicherheit: 6 %
- Frieden / Sicherheit: 6 %
- Klima: 2 %
Damit ist die häufig gehörte Erklärung 'Das sind hauptsächlich Protestwähler' so nicht mehr haltbar.
Was sagt die Politik?
Eine aktuelle Untersuchung der Freien Universität Berlin und der Universität Konstanz (GLES-Daten 2025, 6.414 Befragte, davon 858 AfD-Wähler) zeigt: Es gibt nicht den einen AfD-Wähler, sondern drei ziemlich unterschiedliche Gruppen.
1. 'Konservative Hardliner' – etwa zwei Drittel: starke Begrenzung der Zuwanderung, Anpassungsanforderungen an Minderheiten
2. 'Radikal-rechte Autoritäre' – knapp ein Fünftel: autoritäre und antisemitische Einstellungen, starker wirtschaftlicher Pessimismus
3. 'Moderate Konservative' – kleinste Gruppe: migrationskritisch, aber stärker wirtschafts- und außenpolitisch orientiert, distanziert gegenüber autoritären Führungsmodellen
Was alle drei Gruppen verbindet: Migration. Die Studie bezeichnet die Ablehnung bzw. starke Begrenzung von Migration als den gemeinsamen Nenner.
Was die Zahlen sagen
- 66 % der AfD-Wähler 2025: aus Überzeugung gewählt (32 % aus Enttäuschung)
- 84 % der AfD-Wähler: sehen die Partei in der politischen Mitte und nicht rechts
- 42 % derselben Wähler: Partei distanziert sich nicht ausreichend von rechtsextremen Positionen
- 46 %: nannten Zuwanderung/Flucht als ausschlaggebendes Wahlthema
- 69 % aller Befragten: AfD würde schwächer, wenn Bundesregierung auf wichtigen Feldern Fortschritte erzielt
- 47 % der AfD-Anhänger stimmten dem ebenfalls zu
- ¾ der AfD-Wähler sind Angestellte, Beamte und Selbständige – nicht überwiegend Arbeitslose
- Größter positiver Wählerstrom 2025: aus dem Lager der ehemaligen Nichtwähler
Gegenargumente
Die häufigste Gegen-These lautet: AfD-Wähler sind hauptsächlich wirtschaftlich Abgehängte oder persönlich in Not.
Die Daten widersprechen dem. Entscheidend ist nicht die persönliche finanzielle Notlage, sondern die Wahrnehmung: Mit Deutschland geht es insgesamt bergab. Drei Viertel der AfD-Wählerschaft sind Angestellte, Beamte und Selbständige.
Eine weitere häufige These: Konsequente Abgrenzung von der AfD schwächt sie. Aber 15 % der AfD-Anhänger nannten den Umgang der anderen Parteien mit der AfD als wichtigsten Grund für deren Stärke. Abgrenzung von Positionen ist richtig – sie muss aber sauber von der Ansprache der Wähler getrennt werden.
Bewertung
Aus den Daten ergeben sich 10 Gründe, warum es den etablierten Parteien so schwer fällt, AfD-Wähler zurückzugewinnen:
1. Sie behandeln die AfD-Wahl noch zu häufig als Protest – obwohl 68 % sie wegen politischer Forderungen wählten.
2. Beim wichtigsten Thema ihrer Wähler – Migration – besitzt die AfD ein Alleinstellungsmerkmal.
3. Ankündigungen reichen nicht mehr – diese Wähler verlangen sichtbare Ergebnisse.
4. Wirtschaftlicher Pessimismus ist wichtiger als persönliche Armut.
5. Die etablierten Parteien haben erhebliches Kompetenzvertrauen verloren (SPD Wirtschaft: von 25 % auf 12 %).
6. Abgrenzung kann Solidarisierungseffekte erzeugen – bei einem Teil der Wähler.
7. Die AfD besitzt inzwischen eine eigene politische Identität, die Wähler verteidigen.
8. Moralische Kritik ersetzt aus Sicht dieser Wähler keine Problemlösung.
9. Die AfD mobilisiert Menschen, die vorher gar nicht gewählt haben.
10. Man diskutiert darüber, wie man die AfD bekämpft – statt warum Menschen sie wählen.
Die strategisch wichtigste Frage lautet nicht: Wie bekämpfen wir die AfD? Sondern: Welche AfD-Wähler sind überhaupt noch für andere Parteien erreichbar? Die Daten sprechen dafür, dass es eine erreichbare und eine sehr schwer erreichbare Gruppe gibt – und dass völlig unterschiedliche Strategien nötig wären.
Was wäre vernünftig?
🟡 Teilweise. Die Analyse ist nüchtern und datenbasiert. Die politische Konsequenz – sauber zu trennen zwischen problematischen Positionen und berechtigten Sachproblemen – ist vernünftig, aber politisch unbequem.