POLITIK · 1. September 2026 · 12 Min. Lesezeit

Was AfD-Wähler tatsächlich bewegt

Protest, Überzeugung oder etwas ganz anderes? Eine nüchterne Analyse der Daten – und 10 Gründe, warum die etablierten Parteien scheitern.

AfD-Wähler Analyse 2025 – Motive, Überzeugungen und Datenstudie zur Bundestagswahl

66 % der AfD-Wähler sagten 2025: Ich habe sie aus Überzeugung gewählt. Die Erklärung 'Das sind hauptsächlich Protestwähler' ist so nicht mehr haltbar. Eine datenbasierte Analyse.

Was passiert?

Bei der Bundestagswahl 2025 fragte Infratest dimap AfD-Wähler, welches Thema für ihre Wahlentscheidung die größte Rolle spielte:

Migration war mit großem Abstand das wichtigste Einzelmotiv. Und: 66 % der AfD-Wähler gaben an, die Partei aus Überzeugung gewählt zu haben – nur 32 % aus Enttäuschung.

Damit ist die häufig gehörte Erklärung 'Das sind hauptsächlich Protestwähler' so nicht mehr haltbar.

Was sagt die Politik?

Eine aktuelle Untersuchung der Freien Universität Berlin und der Universität Konstanz (GLES-Daten 2025, 6.414 Befragte, davon 858 AfD-Wähler) zeigt: Es gibt nicht den einen AfD-Wähler, sondern drei ziemlich unterschiedliche Gruppen.

1. 'Konservative Hardliner' – etwa zwei Drittel: starke Begrenzung der Zuwanderung, Anpassungsanforderungen an Minderheiten
2. 'Radikal-rechte Autoritäre' – knapp ein Fünftel: autoritäre und antisemitische Einstellungen, starker wirtschaftlicher Pessimismus
3. 'Moderate Konservative' – kleinste Gruppe: migrationskritisch, aber stärker wirtschafts- und außenpolitisch orientiert, distanziert gegenüber autoritären Führungsmodellen

Was alle drei Gruppen verbindet: Migration. Die Studie bezeichnet die Ablehnung bzw. starke Begrenzung von Migration als den gemeinsamen Nenner.

Was die Zahlen sagen

Gegenargumente

Die häufigste Gegen-These lautet: AfD-Wähler sind hauptsächlich wirtschaftlich Abgehängte oder persönlich in Not.

Die Daten widersprechen dem. Entscheidend ist nicht die persönliche finanzielle Notlage, sondern die Wahrnehmung: Mit Deutschland geht es insgesamt bergab. Drei Viertel der AfD-Wählerschaft sind Angestellte, Beamte und Selbständige.

Eine weitere häufige These: Konsequente Abgrenzung von der AfD schwächt sie. Aber 15 % der AfD-Anhänger nannten den Umgang der anderen Parteien mit der AfD als wichtigsten Grund für deren Stärke. Abgrenzung von Positionen ist richtig – sie muss aber sauber von der Ansprache der Wähler getrennt werden.

Bewertung

Aus den Daten ergeben sich 10 Gründe, warum es den etablierten Parteien so schwer fällt, AfD-Wähler zurückzugewinnen:

1. Sie behandeln die AfD-Wahl noch zu häufig als Protest – obwohl 68 % sie wegen politischer Forderungen wählten.
2. Beim wichtigsten Thema ihrer Wähler – Migration – besitzt die AfD ein Alleinstellungsmerkmal.
3. Ankündigungen reichen nicht mehr – diese Wähler verlangen sichtbare Ergebnisse.
4. Wirtschaftlicher Pessimismus ist wichtiger als persönliche Armut.
5. Die etablierten Parteien haben erhebliches Kompetenzvertrauen verloren (SPD Wirtschaft: von 25 % auf 12 %).
6. Abgrenzung kann Solidarisierungseffekte erzeugen – bei einem Teil der Wähler.
7. Die AfD besitzt inzwischen eine eigene politische Identität, die Wähler verteidigen.
8. Moralische Kritik ersetzt aus Sicht dieser Wähler keine Problemlösung.
9. Die AfD mobilisiert Menschen, die vorher gar nicht gewählt haben.
10. Man diskutiert darüber, wie man die AfD bekämpft – statt warum Menschen sie wählen.

Die strategisch wichtigste Frage lautet nicht: Wie bekämpfen wir die AfD? Sondern: Welche AfD-Wähler sind überhaupt noch für andere Parteien erreichbar? Die Daten sprechen dafür, dass es eine erreichbare und eine sehr schwer erreichbare Gruppe gibt – und dass völlig unterschiedliche Strategien nötig wären.

Was wäre vernünftig?

🟡 Teilweise. Die Analyse ist nüchtern und datenbasiert. Die politische Konsequenz – sauber zu trennen zwischen problematischen Positionen und berechtigten Sachproblemen – ist vernünftig, aber politisch unbequem.