POLITIK · 1. September 2026 · 10 Min. Lesezeit

Wie sollten die demokratischen Parteien mit der AfD umgehen?

Warum Ausgrenzung allein die AfD nicht kleiner gemacht hat – und was stattdessen helfen könnte

Demokratische Parteien und AfD – Umgang mit Rechtspopulismus im Bundestag

Die AfD erreichte 2025 rund 21 Prozent. Die bisherige Strategie der demokratischen Parteien hat das nicht verhindert. Hat nicht nur die AfD vieles falsch gemacht – sondern auch der Umgang mit ihr?

Was passiert?

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD rund 21 Prozent; in einzelnen ostdeutschen Ländern liegt sie inzwischen erheblich höher. Seit Jahren verfolgen die demokratischen Parteien ein gemeinsames Ziel: Sie wollen verhindern, dass die AfD politischen Einfluss gewinnt. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Wie gefährlich ist die AfD? Sondern: Was machen die demokratischen Parteien falsch – und was müsste sich ändern?

Was sagt die Politik?

Die 10 Fehler der demokratischen Parteien im Umgang mit der AfD:

1. Man hat AfD-Wähler zu schnell moralisch bewertet. Bezeichnungen wie 'Nazis' oder 'Rechtsextreme' mögen auf bestimmte Funktionäre zutreffen – als pauschale Beschreibung jedes Wählers taugen sie nicht.
2. Man hielt die AfD zu lange für eine reine Protestpartei. Aus Protest ist bei einem erheblichen Teil Überzeugung geworden.
3. Man hat Probleme tabuisiert, weil die AfD sie thematisierte. Ein Problem verschwindet nicht dadurch, dass die falsche Partei darüber spricht.
4. Die Brandmauer wurde teilweise zum Ersatz für Politik. Sie beantwortet nur: Mit wem arbeiten wir nicht zusammen? Nicht: Was bieten wir selbst an?
5. Man verwechselt Abgrenzung mit Nichtbeachtung. Die wirksamste Antwort auf einen AfD-Antrag ist nicht 'Der kommt von der AfD', sondern fünf konkrete Gegenargumente.
6. Die demokratischen Parteien erscheinen zu häufig als geschlossener Block – ein Geschenk für jede Anti-Establishment-Partei.
7. Man spricht zu viel über die AfD und gibt ihr damit kostenlose Aufmerksamkeit.
8. Man hat Kritik an der eigenen Politik zu häufig als Kommunikationsproblem verstanden – statt zuzuhören.
9. Man unterschätzt das Gefühl politischer Machtlosigkeit, das die AfD mit einem simplen Versprechen füllt.
10. Man bekämpft die AfD stärker als die Ursachen ihres Erfolges.

Was die Zahlen sagen

Gegenargumente

Das wichtigste Gegenargument: Demokratische Parteien dürfen extremistische Positionen nicht normalisieren. Wer die AfD zu normal behandelt, legitimiert möglicherweise Positionen, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährden.

Außerdem: Ein Teil der AfD-Wählerschaft (rund 20 % nach GLES-Daten) lässt sich als 'radikal-rechts autoritär' beschreiben – diese Gruppe ist für andere Parteien kaum erreichbar, egal welche Strategie gewählt wird.

Und: Die Forderung, 'mehr auf AfD-Wähler zugehen', kann schnell missverstanden werden als Übernahme problematischer Positionen. Hier braucht es eine klare Trennung: Themen ansprechen – aber mit eigenen demokratischen Antworten.

Bewertung

Ein sinnvoller Kurs braucht eine Doppelstrategie:

1. Keine Dämonisierung der Wähler – viele wählen aus Protest oder konkreten Themen
2. Die AfD inhaltlich stellen, nicht moralisch abqualifizieren
3. Probleme nicht meiden, weil die AfD sie anspricht
4. Keine Koalition – aber normale parlamentarische Verfahren
5. Keine reflexhafte Ablehnung vernünftiger Anträge
6. Demokratische Parteien müssen wieder unterscheidbarer werden
7. Die AfD bei der Umsetzbarkeit ihrer Vorschläge angreifen
8. Klare rote Linien ziehen – aber konkret begründet, nicht inflationär
9. Weniger über die AfD reden – mehr über eigene Politik
10. Die Ursachen des AfD-Erfolges bekämpfen, nicht nur die Partei

Die reine Brandmauer ist keine ausreichende politische Strategie. Sie beantwortet nicht die wesentlich wichtigere Frage: Warum wählen Millionen Menschen AfD – und was mussten die anderen Parteien verändern, damit sie es nicht mehr tun?

Was wäre vernünftig?

🟡 Die Analyse ist nüchtern und empirisch begründet. Die Schlussfolgerung – Keine Normalisierung extremistischer Positionen, aber Normalisierung des demokratischen Wettbewerbs – ist vernünftig. Politisch unbequem, aber notwendig.