Was Deutschland von Dänemark, Estland und der Schweiz lernen kann
Wenn man nur ein europäisches Land nennen müsste, würden wir sagen: Dänemark – ergänzt um estnische Digitalisierung und schweizerische Verantwortungskultur.
Kein Land ist in allen Bereichen überlegen. Dänemark kommt einem umfassenden Vorbild aber besonders nahe, weil es einen leistungsfähigen Sozialstaat mit wirtschaftlicher Dynamik, digitaler Verwaltung und vergleichsweise hohem gesellschaftlichem Vertrauen verbindet.
1. Ein handlungsfähiger Staat
Dänemark erhebt ebenfalls hohe Steuern und finanziert einen umfangreichen Sozialstaat. Der entscheidende Unterschied: Die Bürger erleben häufiger, dass der Staat dafür tatsächlich funktioniert.
Verwaltungsleistungen sind weitgehend digital, Behörden arbeiten stärker vernetzt und Verfahren sind häufig übersichtlicher. Nach OECD-Daten waren 72 Prozent der Nutzer mit den Verwaltungsleistungen zufrieden; der OECD-Durchschnitt lag bei 66 Prozent.
Deutschland sollte daraus lernen:
• weniger Behördenzuständigkeiten,
• einheitliche digitale Verfahren,
• kürzere Entscheidungswege,
• verbindliche Bearbeitungsfristen,
• Verantwortung statt endloser Abstimmung.
2. Vertrauen statt Kontrollbürokratie
Dänemark besitzt ein hohes gesellschaftliches Vertrauen. Auch das Vertrauen in die nationale Regierung lag 2023 mit 44 Prozent über dem OECD-Durchschnitt von 39 Prozent.
Vertrauen ist dabei nicht nur ein angenehmes gesellschaftliches Gefühl. Es ist ein wirtschaftlicher Faktor:
• weniger Kontrollen,
• weniger Nachweise,
• weniger Absicherungsbürokratie,
• schnellere Verträge und Entscheidungen,
• größere Bereitschaft zu Reformen.
In Deutschland wird dagegen häufig jede denkbare Ausnahme durch eine neue Vorschrift geregelt. Dadurch entsteht ein Staat, der alle kontrollieren möchte, aber seine Kernaufgaben immer schwerer erfüllt.
3. „Flexicurity“ auf dem Arbeitsmarkt
Das dänische Modell verbindet zwei Ziele, die in Deutschland oft gegeneinander ausgespielt werden:
• Unternehmen können sich vergleichsweise flexibel an Veränderungen anpassen.
• Arbeitnehmer werden bei Arbeitslosigkeit sozial abgesichert, intensiv betreut und weiterqualifiziert.
Die Sicherheit liegt also weniger darin, denselben Arbeitsplatz für immer zu erhalten, sondern darin, nach einem Arbeitsplatzverlust möglichst schnell eine neue Beschäftigung zu finden.
Das wäre auch für Deutschland ein wichtiger Perspektivwechsel: Nicht jeder bestehende Arbeitsplatz muss dauerhaft konserviert werden. Entscheidend ist, dass Menschen beschäftigungsfähig bleiben und neue Chancen erhalten.
4. Ein Sozialstaat, der Leistung und Eigenverantwortung verbindet
Dänemark ist kein Niedrigsteuerland und kein radikal liberaler Staat. Es zeigt vielmehr, dass ein großzügiger Sozialstaat funktionieren kann, wenn:
• Leistungen verständlich organisiert sind,
• Arbeitsaufnahme attraktiv bleibt,
• Weiterbildung konsequent betrieben wird,
• Missbrauch kontrolliert wird und
• staatliche Hilfen auf Aktivierung statt dauerhafte Verwaltung ausgerichtet sind.
Für Deutschland wäre das eine Alternative sowohl zum bloßen Sozialabbau als auch zum unbegrenzten Ausbau einzelner Leistungen.
5. Längerfristigere politische Entscheidungen
Dänische Regierungen wechseln ebenfalls, und auch dort wird heftig gestritten. Viele grundlegende Reformen werden jedoch breiter vorbereitet und über Regierungswechsel hinweg fortgeführt.
Deutschland leidet dagegen zunehmend unter einem politischen Kurzzeittakt:
• Reform ankündigen,
• Widerstände feststellen,
• Kompromiss verwässern,
• Übergangsregelungen einbauen,
• nach der nächsten Wahl erneut beginnen.
Dänemark zeigt, dass demokratische Politik durchaus zu klaren und langfristig tragfähigen Entscheidungen fähig ist.
Aber Deutschland sollte nicht einfach Dänemark kopieren
Deutschland hat rund 84 Millionen Einwohner, Dänemark knapp sechs Millionen. Deutschland ist föderaler, industriell komplexer und regional wesentlich unterschiedlicher.
Deshalb wäre ein europäischer „Baukasten“ sinnvoller – mit gezielten Anleihen bei den besten Lösungen unserer Nachbarn: estnische Digitalisierung, dänische Flexicurity, schweizerische Verantwortungskultur, niederländische Infrastrukturplanung und finnisches Institutionenvertrauen.
Estland und Finnland erreichen beispielsweise jeweils 83 Prozent Zufriedenheit mit den genutzten Verwaltungsleistungen. In der Schweiz gaben 62 Prozent der Befragten an, hohes oder moderat hohes Vertrauen in die nationale Regierung zu besitzen.
Warum übernimmt Deutschland nicht endlich systematisch das, was in vergleichbaren europäischen Ländern nachweislich besser funktioniert?
Fazit
Deutschland muss das Rad nicht neu erfinden. Es müsste nur endlich den Mut aufbringen, systematisch von seinen europäischen Nachbarn zu lernen – und das, was nachweislich besser funktioniert, auch tatsächlich zu übernehmen.
Dieser Beitrag stützt sich insbesondere auf den OECD-Bericht „Government at a Glance 2025“, die OECD-Wirtschaftsberichte, PISA 2022 sowie die Länderberichte der Europäischen Kommission zur Digitalen Dekade 2025. Angaben zur Zufriedenheit mit Verwaltungsleistungen und zum Institutionenvertrauen beruhen überwiegend auf OECD-Erhebungen aus den Jahren 2023 und 2024. Die Zuordnung einzelner Stärken ist eine redaktionelle Verdichtung und bedeutet nicht, dass diese Systeme vollständig oder unverändert auf Deutschland übertragbar wären.