EUROPA & WELT · 29. August 2026 · 12 Min. Lesezeit

Wie sollte Europa mit Donald Trump umgehen?

Weder dämonisieren noch hinterherlaufen – eine nüchterne Strategie der Stärke

Europäische Union und USA – politische Bühne mit Flaggen und Verhandlungstisch

Europa sollte Trump weder dämonisieren noch ihm hinterherlaufen. Sinnvoller wäre eine nüchterne Strategie der Stärke: mit den USA verbunden bleiben, aber unabhängig genug werden, um amerikanischen Druck auszuhalten.

Trump ernst nehmen – aber nicht jedes Wort dramatisieren

Trump arbeitet stark mit Druck, Maximalforderungen und der Drohung, bestehende Vereinbarungen infrage zu stellen. Europa sollte deshalb weniger auf einzelne Äusserungen reagieren und stärker fragen: Was sind die langfristigen Interessen der USA – und was sind die langfristigen Interessen Europas?

Die Vereinigten Staaten bleiben für Europa ein enorm wichtiger Partner. EU und USA stehen zusammen für rund 43 % des weltweiten BIP; der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen erreichte 2025 rund 1,77 Billionen Euro.

Einen Handelskrieg oder politischen Bruch mit den USA anzustreben wäre daher kaum vernünftig.

Europas größter Fehler wäre Bedürftigkeit

Trump besitzt vor allem dort Verhandlungsmacht, wo Europa auf Amerika angewiesen ist. Deshalb sollte Europas Antwort nicht primär lauten: Wie können wir Trump besänftigen?

Sondern: Wie sorgen wir dafür, dass Europa auch ohne amerikanische Hilfe handlungsfähig bleibt?

Das betrifft Verteidigung, Rüstungsindustrie, Geheimdienste, Satelliten und Kommunikation, Energieversorgung, digitale Infrastruktur, KI und Halbleiter.

Gerade bei der Verteidigung findet dieser Wandel bereits statt. Beim NATO-Gipfel 2026 wurde festgehalten, dass die europäischen Verbündeten und Kanada inzwischen deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Für 2026 wurden 70 Milliarden Euro an militärischer Ausrüstung, Unterstützung und Ausbildung für die Ukraine zugesagt.

Bei berechtigter Kritik sollte Europa Trump entgegenkommen

Ein Fehler wäre es auch, jede Trump-Forderung reflexartig abzulehnen. Seine Kritik an den lange zu niedrigen europäischen Verteidigungsausgaben hatte einen realen Kern. Europa hat sich jahrzehntelang stark auf die amerikanische Sicherheitsgarantie verlassen.

Die europäischen NATO-Staaten und Kanada haben ihre Verteidigungsinvestitionen inzwischen erheblich erhöht. NATO-Generalsekretär Mark Rutte sprach im Juli davon, dass sie sich auf einem Weg befänden, ihre Verteidigungsausgaben stärker an die der USA anzugleichen.

Die richtige europäische Antwort wäre deshalb: Ja, wir übernehmen mehr Verantwortung - aber weil es in unserem eigenen Interesse liegt, nicht weil Washington uns dazu zwingt.

Bei Handelspolitik: freundlich, aber mit glaubwürdiger Gegenmacht

Trump versteht internationale Politik häufig transaktional. Deshalb reicht moralische Empörung als Verhandlungsstrategie nicht.

Die EU besitzt hier durchaus Macht: rund 450 Millionen Einwohner, einen riesigen Binnenmarkt und erheblichen regulatorischen Einfluss. Europa sollte deshalb eine klare Linie verfolgen: Kooperation bevorzugen, verhandeln, Kompromisse ermöglichen – aber bei wirtschaftlichem Druck glaubwürdig reagieren können.

Der 2025 vereinbarte EU-US-Handelskompromiss geht teilweise bereits in diese Richtung. Die EU hat dabei Schutz- und Aussetzungsmechanismen vorgesehen, falls amerikanische Verpflichtungen nicht eingehalten werden.

Nicht 27 unterschiedliche Trump-Strategien

Das dürfte einer der wichtigsten Punkte überhaupt sein. Trump kann mit Deutschland, Frankreich, Italien oder Ungarn jeweils einzeln wesentlich leichter verhandeln als mit einem geschlossenen europäischen Block.

Europa schwächt sich deshalb selbst, wenn nationale Regierungen versuchen, jeweils einen besonderen Zugang zu Washington zu bekommen.

450 Millionen Europäer haben erhebliches Gewicht. Ein einzelner europäischer Mittelstaat sehr viel weniger. Gerade gegenüber einer stark transaktionalen amerikanischen Regierung wäre europäische Geschlossenheit deshalb ein Machtfaktor.

Ukrainepolitik europäisieren

Europa sollte seine Ukrainepolitik so organisieren, dass sie nicht vom Ausgang der nächsten amerikanischen Wahl oder einer Meinungsänderung des amerikanischen Präsidenten abhängig ist.

Das bedeutet nicht, die USA auszuschließen. Im Gegenteil: amerikanische Beteiligung sollte ausdrücklich erwünscht bleiben. Aber Europa muss in der Lage sein, seine grundlegenden Sicherheitsinteressen notfalls selbst zu vertreten. Die EU hat am 24. August weitere 6,1 Milliarden Euro für ukrainische Verteidigungssysteme genehmigt.

Trump nicht mit Amerika verwechseln

Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten. Aber die USA bestehen auch aus Kongress, Bundesstaaten, Unternehmen, Universitäten, Militär, Justiz, Medien und mehr als 340 Millionen Menschen.

Europa sollte deshalb seine amerikanischen Beziehungen breiter als die Beziehung zum jeweiligen Präsidenten aufstellen. Denn Trump wird irgendwann nicht mehr Präsident sein. Die Vereinigten Staaten werden aber mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin einer der wichtigsten Partner Europas sein.

Was passiert?

Die Lage im August 2026 zeigt, warum das nötig ist. Die USA überprüfen derzeit ihre Truppenstationierung in Europa; Washington drängt die Europäer ausdrücklich dazu, mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Unsicherheiten darüber, wie dauerhaft amerikanische Sicherheitszusagen unter Trump sind.

Was sagt die Politik?

Europäische Regierungen reagieren sehr unterschiedlich: Einige suchen den besonderen Draht nach Washington, andere setzen auf Konfrontation. Eine gemeinsame europäische Linie ist bisher nicht erkennbar.

Was die Zahlen sagen

EU und USA stehen zusammen für rund 43 % des weltweiten BIP. Der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen erreichte 2025 rund 1,77 Billionen Euro. Die europäischen NATO-Staaten haben ihre Verteidigungsausgaben inzwischen erheblich erhöht. Beim NATO-Gipfel 2026 wurden 70 Milliarden Euro an Unterstützung für die Ukraine zugesagt.

Gegenargumente

Eine zu selbstbewusste europäische Haltung könnte Trumps Abkehr von Europa beschleunigen. Nicht jedes Land hat die gleichen Interessen – osteuropäische Staaten etwa sind stärker auf amerikanische Sicherheitsgarantien angewiesen als westeuropäische.

Bewertung

Das Problem Europas ist nicht Donald Trump. Das Problem ist, dass Europa Donald Trump zu sehr braucht. Die richtige Antwort lautet deshalb: Kooperieren wo Interessen übereinstimmen – verhandeln statt sich zu empören – widersprechen wo europäische Interessen verletzt werden – und vor allem: unabhängiger werden, damit Europa überhaupt verhandlungsfähig ist.

Was wäre vernünftig?

🟢 Ja – wenn Europa aufhört, 27 verschiedene Trump-Strategien zu verfolgen.