POLITIK · 13. September 2026 · 10 Min. Lesezeit

Was bedeutet das Scheitern der FDP für unser Land?

Die FDP steckt in einer Sandwich-Position – aber sie hat sich zum Teil selbst hineingesteuert.

Grafik zur Sandwich-Position der FDP im deutschen Parteiensystem

Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte die FDP mit 4,3 % an der Fünfprozenthürde. Im September 2026 liegt sie weiterhin nur bei rund vier Prozent. Von einer bloßen Wahlniederlage kann man kaum noch sprechen. Es geht um eine Existenzkrise.

Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte die FDP mit 4,3 % an der Fünfprozenthürde und verlor ihre parlamentarische Vertretung. Auch im September 2026 liegt sie in den meisten bundesweiten Umfragen weiterhin nur bei ungefähr vier Prozent. Von einer bloßen vorübergehenden Wahlniederlage kann man deshalb kaum noch sprechen. Es geht um eine Existenzkrise.

Das eigentliche Problem: Liberalismus ist größer als die FDP.

Die Aussage, etwa 15 % der Bevölkerung seien liberal eingestellt, ist als Größenordnung plausibel – aber nicht als eindeutig messbarer Block. Denn „liberal“ kann sehr Unterschiedliches bedeuten:

Diese Menschen wählen keineswegs automatisch FDP. Das liberale Potenzial verteilt sich heute auf mehrere Parteien – ohne irgendwo vollständig vertreten zu sein.

Damit wird die FDP von beiden Seiten zusammengedrückt: Von rechts nimmt ihr die Union das wirtschaftsliberale Thema. Die AfD gewinnt jene Wähler, die weniger Staat, weniger Regulierung und eine härtere Migrationspolitik wollen. Von links beziehungsweise aus der gesellschaftlichen Mitte besetzen die Grünen Bürgerrechte, individuelle Lebensentwürfe, Europa und gesellschaftliche Liberalität.

Die FDP bleibt dazwischen – wirtschaftlich näher an der Union, gesellschaftlich teilweise näher an den Grünen. Genau diese Verbindung könnte eigentlich ihre Stärke sein. In der Wahrnehmung vieler Bürger ist daraus jedoch keine überzeugende Synthese, sondern politische Unklarheit geworden.

Was hat die FDP selbst falsch gemacht?

Die FDP wurde zuletzt kaum noch als umfassend liberale Partei wahrgenommen, sondern vor allem als Partei von Schuldenbremse, Steuersenkungen, Autofahrern, besser Verdienenden und Blockaden innerhalb der Ampelkoalition. Ob diese Wahrnehmung in jedem Punkt gerecht ist, spielt politisch nur eine begrenzte Rolle. Entscheidend ist: Die FDP konnte nicht mehr vermitteln, für welche positive Vorstellung von Freiheit sie steht.

Sie sagte häufig, was der Staat nicht tun dürfe. Weniger deutlich wurde, was sie stattdessen gestalten wollte.

Ein moderner Liberalismus müsste beispielsweise erklären:

Die FDP wirkte zuletzt häufig wie der finanzpolitische Kontrolleur anderer Parteien – nicht wie die Partei eines eigenen Zukunftsentwurfs.

Was können liberal eingestellte Bürger noch wählen?

Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, welcher Teil des Liberalismus einem besonders wichtig ist.

CDU/CSU: Wählbar für wirtschaftsliberale und ordnungspolitisch orientierte Bürger. Aber die Union ist gesellschaftspolitisch konservativer, stärker staatsorientiert, kompromissbereiter bei Subventionen und keineswegs durchgehend marktwirtschaftlich.

Grüne: Wählbar für gesellschaftsliberale, europäische und bürgerrechtlich orientierte Menschen. Problematisch für Wirtschaftsliberale sind stärkere Regulierung, staatliche Lenkung und ein teilweise paternalistisches Politikverständnis.

SPD: Wählbar für sozialliberale Bürger, denen Aufstiegsgerechtigkeit und gesellschaftliche Offenheit wichtig sind. Weniger attraktiv für Menschen, die Abgaben, Staatsquote und Bürokratie reduzieren wollen.

Volt: Programmatisch interessant für proeuropäische, gesellschaftsliberale und modernisierungsorientierte Wähler. Bislang fehlt jedoch die realistische Aussicht auf den Einzug in den Bundestag.

AfD: Sie spricht manche wirtschaftlich unzufriedenen oder staatskritischen ehemaligen FDP-Wähler an. Eine liberale Alternative ist sie dennoch nicht: Nationalismus, Einschränkungen gesellschaftlicher Offenheit, Angriffe auf Institutionen und ein autoritäres Staatsverständnis widersprechen zentralen Grundideen des Liberalismus.

FDP: Wer eine eigenständige liberale Partei im Bundestag erhalten will, kann sie weiterhin wählen – muss derzeit aber das Risiko einkalkulieren, dass seine Stimme wegen der Fünfprozenthürde keine parlamentarische Wirkung entfaltet. Genau dieses Risiko verstärkt wiederum das Scheitern der FDP: Weil sie unter fünf Prozent liegt, wählen manche Sympathisanten vorsichtshalber eine größere Partei. Dadurch bleibt sie unter fünf Prozent.

Was bedeutet das Fehlen der FDP für Deutschland?

Nicht jede Politik der FDP war liberal und nicht jede liberale Idee stammt von ihr. Trotzdem fehlt ohne eine starke liberale Partei ein wichtiges Korrektiv.

Es fehlt eine politische Kraft, die gleichzeitig sagt:

Der Staat muss handlungsfähig sein – aber er darf sich nicht in alles einmischen. Der Markt braucht Regeln – aber keine politische Detailsteuerung. Freiheit bedeutet Eigenverantwortung – aber auch echte Chancen zum Aufstieg.

Ohne dieses Korrektiv droht die politische Auseinandersetzung auf zwei große Pole zuzulaufen:

Dazwischen entsteht eine Repräsentationslücke für Bürger, die wirtschaftliche Vernunft, persönliche Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftliche Offenheit miteinander verbinden wollen.

Unsere These

Nicht der Liberalismus ist gescheitert. Gescheitert ist vorerst die FDP als glaubwürdige Übersetzerin liberaler Grundsätze in praktische Politik.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: „Braucht Deutschland noch die FDP?“

Sondern: „Wer vertritt künftig die Bürger, die weder immer mehr Staat noch eine autoritäre Protestpolitik wollen?“

Wenn die FDP darauf wieder eine überzeugende Antwort findet, besitzt sie durchaus ein Potenzial deutlich oberhalb von fünf Prozent. Wenn sie jedoch lediglich mit neuem Personal dieselben Schlagworte wiederholt, könnte ihre bisherige Sandwich-Position zu einer dauerhaften politischen Bedeutungslosigkeit werden.

Fazit

Nicht der Liberalismus ist gescheitert. Gescheitert ist vorerst die FDP als glaubwürdige Übersetzerin liberaler Grundsätze in praktische Politik.