EUROPA & WELT · 1. September 2026 · 6 Min. Lesezeit

Island sagt Nein zur EU – wegen Bürokratie

53 % der Isländer lehnen Beitrittsverhandlungen ab. Sie fürchten Brüssel mehr als Trump.

Island stimmt gegen EU-Beitritt – Referendum über Fischerei und Bürokratie in Reykjavík

Der US-Präsident verwechselt Island mit Grönland. Trotzdem stimmten die Isländer mehrheitlich gegen EU-Beitrittsverhandlungen. Der Grund: Sie misstrauen der europäischen Bürokratie mehr als Trumps Drohgebärden.

Was passiert?

Mit rund 53 Prozent haben die Isländerinnen und Isländer Ende August 2026 dagegen gestimmt, Beitrittsverhandlungen mit der EU wieder aufzunehmen. Eine knappe, aber deutliche Niederlage für Brüssel.

Dabei hätte die Ausgangslage kaum günstiger sein können: Donald Trump hegt Annexionsfantasien gegenüber arktischen Gebieten – und verwechselt dabei Island gelegentlich mit Grönland. Russland und China üben ebenfalls Druck im arktischen Raum aus. Die EU wollte die Hand ausstrecken und sich als verlässliche Partnerin anbieten.

Die Isländer sagten trotzdem: Nein.

Was sagt die Politik?

Ausschlaggebend für das Votum waren wirtschaftliche und regulatorische Bedenken – vor allem die Frage, was ein EU-Beitritt für Fischerei und Landwirtschaft bedeuten würde.

Island ist bereits Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und damit teilweise in den EU-Binnenmarkt integriert. Bislang organisieren Fischer und Bauern ihre Branche eigenständig, ohne Einmischung aus Brüssel. Ein Beitritt hätte Teile der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) und der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach Island gebracht.

Gegen diese Aussicht lief die mächtige Fischereilobby Sturm – und dürfte die knappe Mehrheit gegen Beitrittsverhandlungen mitentschieden haben.

Was die Zahlen sagen

Ergebnis des Referendums: 53 % gegen Beitrittsverhandlungen, 47 % dafür.

Island hat eine lange Geschichte im Kampf um seine Fischereirechte: In den Kabeljaukriegen (1958–1976) setzte Island gegenüber Großbritannien die Ausweitung der Fischereizone durch – unter Androhung eines NATO-Austritts. 2010 führte Island gemeinsam mit den Färöer-Inseln den sogenannten Makrelenkrieg gegen die EU und Norwegen.

Diese Konflikte haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Isländer eingegraben.

Gegenargumente

Geopolitisch steht Island als NATO-Mitglied ohne eigene Armee da. Für seine Sicherheit soll ausgerechnet ein bilaterales Abkommen mit Washington sorgen – trotz Trumps verbaler Entgleisungen. Mit der EU unterzeichnete Reykjavík lediglich eine Verteidigungspartnerschaft.

EU-Vertreter hätten vor dem Referendum konkretere Angebote zu den Fischrechten machen können. Stattdessen wurde nur vages Entgegenkommen signalisiert – was den Eindruck verstärkte, Brüssel fehle das Gespür für lokale Sorgen.

Bewertung

Das Ergebnis offenbart eine unangenehme Wahrheit: Brüssel ist vorerst gescheitert, sich neben Washington als ernst zu nehmender geopolitischer Akteur zu positionieren. Stattdessen siegt das Misstrauen – ausgerechnet in dem Bereich, für den die EU eigentlich steht: wirtschaftliche Integration und Wohlstand.

Ursula von der Leyen hat ihre zweite Amtszeit mit dem Versprechen angetreten, die EU wettbewerbsfähiger und bürgerfreundlicher zu machen. Die Mehrheit der Isländer hat sich davon nicht überzeugen lassen.

Die Botschaft ist klar: Wer die EU attraktiver machen will, muss mehr tun als reden. Konkrete Angebote, weniger Bürokratie, mehr Pragmatismus – sonst wächst Europa nicht, sondern schrumpft.

Was wäre vernünftig?

🟡 Verständlich – aber geopolitisch riskant. Island wählt wirtschaftliche Eigenständigkeit über kollektive Sicherheit.