POLITIK · 18. September 2026 · 11 Min. Lesezeit

Kommunen am Limit: Wenn Städte und Gemeinden sich den Staat nicht mehr leisten können

Der Staat spart sich von unten kaputt

Foto: Kommunen am Limit – leere Kaße, marode Infrastruktur

Wenn Bürger erleben wollen, ob ihr Staat funktioniert, fahren sie nicht zuerst nach Berlin. Sie bringen ihr Kind in eine Schule, beantragen einen Personalausweis, warten auf eine Baugenehmigung, fahren mit dem Bus, besuchen ein Schwimmbad oder ärgern sich über eine kaputte Straße. Der Staat begegnet den Menschen vor allem vor Ort – in ihrer Stadt, ihrem Landkreis und ihrer Gemeinde. Genau diese Ebene gerät finanziell immer stärker unter Druck. Die kommunalen Spitzenverbände prognostizieren für 2026 ein Defizit der kommunalen Haushalte von 29,7 Milliarden Euro. Für die Jahre 2026 bis 2029 erwarten sie zusammengenommen Fehlbeträge von fast 120 Milliarden Euro. Das ist keine vorübergehende Haushaltsdelle mehr. Es ist eine strukturelle Krise.

Der Staat funktioniert dort – oder eben nicht

Kommunen übernehmen einen erheblichen Teil jener Aufgaben, an denen Bürger die Leistungsfähigkeit des Staates unmittelbar messen:

Viele dieser Aufgaben sind keine freiwilligen Angebote. Sie beruhen auf gesetzlichen Verpflichtungen, bundesweiten Rechtsansprüchen oder Vorgaben der Länder.

Bund und Länder beschließen neue Leistungen, Standards und Kontrollpflichten. Umsetzen müssen sie jedoch häufig die Kommunen.

Damit entsteht ein Problem, das sich in einem Satz zusammenfassen lässt:

Oben wird bestellt – unten wird bezahlt.

Ein Rechtsanspruch braucht Räume, Personal und Geld

Ein gutes Beispiel ist der neue Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder.

Politisch klingt ein solcher Anspruch überzeugend. Doch ein Rechtsanspruch schafft noch keinen einzigen Betreuungsplatz.

Dafür braucht es:


Das Gesetz kann in Berlin beschlossen werden. Die fehlende Betreuungskraft muss jedoch in Rosenheim, Traunstein, Prien oder einer anderen Kommune gefunden und bezahlt werden.

AEhnlich funktioniert es bei der Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe, beim Klimaschutz und bei immer neuen Qualitäts- und Kontrollstandards.

Jede einzelne Regelung mag gut begründet sein. In der Summe können gut gemeinte Ansprüche jedoch ein System überfordern, wenn Aufgaben und Finanzierung dauerhaft auseinanderfallen.

Besonders stark steigen die Sozialausgaben

Ein wesentlicher Teil der kommunalen Finanzprobleme entsteht bei Sozialleistungen, auf deren Umfang die einzelne Kommune nur begrenzten Einfluss hat.

Eine Kommune kann nicht beschließen, eine gesetzlich zugesicherte Leistung im nächsten Jahr nur noch zur Hälfte anzubieten.

Gespart wird deshalb häufig dort, wo es rechtlich noch möglich ist:


So entsteht ein gefährlicher Mechanismus:

Je stärker die Pflichtausgaben steigen, desto weniger bleibt für jene Leistungen übrig, die eine Stadt oder Gemeinde lebenswert machen.

Sparen kann die Krise sogar verschärfen

Natürlich müssen auch Kommunen ihre Strukturen überprüfen. Digitalisierung, gemeinsame Beschaffung und interkommunale Zusammenarbeit können Geld sparen.

Aber selbst konsequente Einsparungen können ein strukturelles Defizit von rund 30 Milliarden Euro nicht schließen.

Wer notwendige Investitionen immer weiter verschiebt, spart zudem oft nur scheinbar. Eine nicht sanierte Straße wird später teurer. Ein vernachlässigtes Schulgebäude verursacht höhere Folgekosten. Ein ausgedünnter Nahverkehr erschwert Mobilität und wirtschaftliche Entwicklung.

Aus unterlassener Instandhaltung entstehen neue Schulden – nur stehen sie nicht sofort im Haushalt.

Man könnte sie als unsichtbare Zukunftsschulden bezeichnen.

Das Sondervermögen allein löst das Problem nicht

Der Bund stellt erhebliche Mittel für Infrastruktur und Klimaanpassung bereit. Das kann dringend benötigte Investitionen ermöglichen.

Doch ein Investitionsprogramm finanziert nicht automatisch den laufenden Betrieb.

Eine Kommune kann mit Fördermitteln möglicherweise ein Gebäude errichten. Danach benötigt sie aber dauerhaft Geld für Personal, Energie, Wartung, Reinigung, IT und Instandhaltung.

Hinzu kommt die deutsche Förderbürokratie: Programme haben Antragsfristen, Zweckbindungen, Eigenanteile, Nachweispflichten und unterschiedliche Zuständigkeiten.

Damit entsteht das nächste Paradox:

Ausgerechnet jene Kommunen, die Unterstützung besonders dringend benötigen, können Förderprogramme oftmals am schlechtesten nutzen.

Wenn die Kommune nicht funktioniert, verliert der Staat Vertrauen

Die kommunale Finanzkrise ist nicht nur ein haushaltspolitisches Problem. Sie berührt das Vertrauen in die Demokratie.

Für den Bürger ist es zunächst unerheblich, ob der Bund, das Land oder die Kommune für ein Problem verantwortlich ist.

Er erlebt:


Aus Sicht des Bürgers hat "der Staat" versagt.

Bund und Länder können deshalb nicht dauerhaft neue Leistungen ankündigen und anschließend darauf verweisen, dass die konkrete Umsetzung Sache der Kommunen sei.

Politische Verantwortung endet nicht mit der Verkündung eines Gesetzes.

Wer bestellt, muss bezahlen

Deutschland braucht ein konsequenteres Konnexitätsprinzip:

Wer eine neue Aufgabe beschließt, muss ihre tatsächlichen und dauerhaften Kosten finanzieren.

Vor jedem neuen Gesetz sollte deshalb ein verbindlicher kommunaler Praxis- und Kostencheck stehen:


Dieser Check müsste öffentlich sein. So könnten Bürger erkennen, ob ein politischer Anspruch tatsächlich finanziert ist – oder nur in die Zukunft und auf eine andere staatliche Ebene verschoben wird.

Was jetzt geschehen müsste

Eine tragfähige Lösung braucht mehr als eine einmalige Finanzspritze.

1. Sofortige Stabilisierung
Kommunen, die ihre Pflichtaufgaben nicht mehr ohne neue Schulden erfüllen können, benötigen kurzfristige Hilfe.

2. Vollständige Finanzierung neuer Aufgaben
Neü bundes- oder landesrechtliche Verpflichtungen dürfen nur noch beschlossen werden, wenn ihre kommunale Finanzierung dauerhaft gesichert ist.

3. Überprüfung bestehender Verpflichtungen
Auch bereits übertragene Aufgaben müssen üüberprüft werden: Welche Kosten wurden ursprünglich angenommen, welche entstehen tatsächlich?

4. Strukturelle Reform der Sozialausgaben
Gesamtstaatlich beschlossene Sozialleistungen sollten nicht überwiegend von der zufälligen Finanzkraft einzelner Kommunen abhängen.

5. Einfachere Förderprogramme
Weniger Einzelprogramme, einheitlichere Regeln, längere Laufzeiten und geringere Nachweispflichten würden Verwaltungskosten senken.

6. Eigene Effizienzreserven nutzen
Kommunen müssen im Gegenzug ihre Prozesse digitalisieren, Aufgaben bündeln und unwirtschaftliche Strukturen offen überprüfen.

Fazit

Die kommunale Finanzkrise ist kein Randproblem der öffentlichen Haushalte.

Sie entscheidet darüber, ob der Staat im Alltag noch funktioniert.

Deshalb genügt es nicht, immer neue Rechtsansprüche, Standards und Förderprogramme zu beschließen. Politik muss für jede neue Aufgabe auch beantworten:

Wer setzt sie um? Wer hat das notwendige Personal? Und wer bezahlt dauerhaft dafür?

Die entscheidende Regel müsste künftig lauten:

Keine neue kommunale Aufgabe ohne vollständige und dauerhafte Finanzierung.

Denn wenn Bund und Länder ihre Probleme nach unten weiterreichen, verschwinden diese nicht.

Sie landen nur dort, wo die Bürger sie als Erstes bemerken.

Deutscher Städte- und Gemeindebund: «30 Milliarden Euro Defizit pro Jahr», 22. Juni 2026. Gemeinsame Prognose des Deutschen Städtetages, Deutschen Landkreistages und Deutschen Städte- und Gemeindebundes zur kommunalen Finanzlage 2026–2029. Tagesschau: Aktionstag «Kommunen am Limit». Die genannte Summe von rund 30 Milliarden Euro ist eine Prognose der kommunalen Spitzenverbände, kein bereits endgültig festgestelltes Jahresergebnis.