PISA 2025: Deutschland verspielt seine wichtigste Ressource
Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen historische Tiefststände. Das Problem ist größer als ein schlechtes Testergebnis.
Eine Ressource gerät aus dem Blick
Deutschland diskutiert über Milliarden für Infrastruktur, Verteidigung und Transformation. Über Fachkräftemangel, Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunft unserer Sozialsysteme.
Dabei gerät eine Ressource erstaunlich leicht aus dem Blick:
die Bildung unserer Kinder.
Die Ergebnisse der neuen PISA-Studie 2025 sollten deshalb alarmieren. Die getesteten 15-Jährigen in Deutschland erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen.
Deutschland ist damit sogar unter das Niveau des Jahres 2000 gefallen – jenes Jahres, dessen Ergebnisse den berühmten "PISA-Schock" auslösten.
Die Zahlen sind ernüchternd
Rund 6.700 Jugendliche wurden in Deutschland getestet.
Die durchschnittlichen Ergebnisse:
- Naturwissenschaften: 486 Punkte (2022: 492 Punkte)
- Lesen: 465 Punkte (2022: 480 Punkte)
- Mathematik: 464 Punkte (2022: 475 Punkte)
Noch problematischer als die Durchschnittswerte ist jedoch das, was sich dahinter verbirgt.
Etwa ein Drittel der Jugendlichen verfügt in Lesen und Mathematik nicht über die von PISA definierten Basiskompetenzen. In den Naturwissenschaften betrifft dies etwa ein Viertel.
Gleichzeitig schrumpft die Gruppe der besonders leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. Ihr Anteil liegt inzwischen in allen drei untersuchten Bereichen unter zehn Prozent.
Das bedeutet: Deutschland hat nicht nur ein Problem mit der Spitze.
Wir haben zunehmend ein Problem mit dem Fundament.
Deutschland ist Durchschnitt – aber ist das unser Anspruch?
Auf den ersten Blick gibt es eine beruhigende Nachricht: Deutschland liegt mit seinen Ergebnissen ungefähr im OECD-Durchschnitt.
Aber kann das tatsächlich der Maßstab sein?
14 OECD-Staaten schneiden laut der Studie deutlich besser ab. Dazu gehören beispielsweise Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich.
Deutschland ist also keineswegs bildungspolitisch abgeschlagen. Von der internationalen Spitzengruppe sind wir jedoch entfernt.
Für eine Volkswirtschaft, deren Wohlstand wesentlich von Wissen, Innovation, Technologie und hochqualifizierten Arbeitskräften abhängt, ist "internationaler Durchschnitt" auf Dauer zu wenig.
Die vielleicht erschreckendste Zahl
Besonders problematisch bleibt ein seit Jahrzehnten bekanntes deutsches Bildungsproblem:
Der Bildungserfolg eines Kindes hängt stark davon ab, in welche Familie es hineingeboren wird.
Nach Angaben des PISA-Studienleiters Samül Greiff ist der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Bildungserfolg in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada.
Von 100 sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern gehören demnach lediglich zwei zur leistungsstarken Gruppe.
Bei sozial privilegierten Jugendlichen sind es 25 von 100.
Das ist mehr als ein bildungspolitisches Problem.
Es ist eine Frage der Chancengerechtigkeit.
Ein Bildungssystem sollte Unterschiede der Herkunft möglichst ausgleichen. Wenn stattdessen die soziale Herkunft zunehmend über den späteren Bildungserfolg entscheidet, erfüllt das System eine seiner wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben nur unzureichend.
Zuwanderung allein erklärt das Problem nicht
Bei schlechten Bildungsergebnissen wird schnell auf Migration verwiesen. Die PISA-Ergebnisse legen jedoch eine differenziertere Betrachtung nahe.
Die entscheidende Trennlinie verläuft nach Einschätzung der Studienleitung weniger zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte als zwischen sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien.
Hinzu kommen weitere Veränderungen:
- Familienstrukturen haben sich gewandelt.
- Schulen treffen auf sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen.
- Psychosoziale Belastungen spielen eine größere Rolle.
- Gleichzeitig fehlen Lehrkräfte, die Digitalisierung ist vielerorts unzureichend umgesetzt und frühkindliche Bildungsdefizite werden später nur schwer aufgeholt.
Deutschland hat also nicht nur andere Schülerinnen und Schüler als vor 25 Jahren.
Die entscheidende Frage lautet, ob sich unser Bildungssystem ebenso schnell verändert hat wie die Gesellschaft.
Smartphone, TikTok, Instagram & Co.: ein unterschätzter Faktor?
Hinzu kommt ein Problem, das vor 25 Jahren praktisch keine Rolle spielte: die enorme digitale Reizüberflutung von Kindern und Jugendlichen.
Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, fordert deshalb stärkere Schutzmechanismen bei der Nutzung sozialer Medien.
Dabei geht es nicht darum, Digitalisierung rückgängig zu machen oder Jugendlichen Smartphones wegzunehmen.
Es geht um eine andere Frage:
Was geschieht mit Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Lernverhalten, wenn Kinder täglich viele Stunden einer digitalen Umgebung ausgesetzt sind, deren Geschäftsmodell gerade darin besteht, ihre Aufmerksamkeit möglichst dauerhaft zu binden?
Diese Diskussion gehört inzwischen genauso in die Bildungspolitik wie Lehrpläne, Klassengrößen oder Lehrkräftemangel.
Nach dem ersten PISA-Schock konnte Deutschland handeln
Das vielleicht Interessanteste an der Geschichte der PISA-Studien ist: Deutschland hat bereits bewiesen, dass es besser werden kann.
Nach den schlechten Ergebnissen im Jahr 2000 entstand erheblicher politischer und gesellschaftlicher Druck. Reformen wurden eingeleitet, Bildung bekam einen höheren Stellenwert – und die Ergebnisse verbesserten sich.
Seit etwa zehn Jahren zeigt die Entwicklung jedoch wieder in die andere Richtung.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Warnsignal von PISA 2025.
Nicht, dass Deutschland Bildung nicht verbessern könnte.
Sondern dass wir offenbar aufgehört haben, sie mit der notwendigen Konsequenz zu bessern.
Was wäre vernünftig?
Ein starkes Signal – und eine offene Frage: Wer übernimmt Verantwortung?
Fazit
Wir diskutieren darüber, wie Deutschland 2035 oder 2040 wirtschaftlich erfolgreich bleiben kann. Die Antwort beginnt nicht erst bei künstlicher Intelligenz, Industriepolitik oder Unternehmenssteuern.
Sie beginnt im Kindergarten.
Sie setzt sich in der Grundschule fort.
Und sie entscheidet sich jeden Tag in unseren Schulen.
Ein Land ohne Rohstoffe kann sich ein mittelmässiges Bildungssystem auf Dauer nicht leisten.
Deutschland braucht deshalb keinen neuen "PISA-Schock", der einige Wochen lang Schlagzeilen produziert.
Deutschland braucht eine Bildungsstrategie, deren Erfolg messbar wird.
Dazu gehören aus unserer Sicht fünf Fragen:
1. Wie stellen wir sicher, dass jedes Kind beim Eintritt in die Grundschule ausreichend Deutsch versteht?
2. Wie können wir verhindern, dass ein Drittel der Jugendlichen bei grundlegenden Kompetenzen zurückbleibt?
3. Wie lösen wir Bildungserfolg stärker von der sozialen Herkunft?
4. Wie gehen wir vernünftig mit Smartphones, Social Media und KI im Schulalltag um?
5. Und vor allem: Wer übernimmt politische Verantwortung dafür, dass sich die Ergebnisse innerhalb der nächsten fünf Jahre tatsächlich verbessern?
Denn bei kaum einem anderen politischen Thema gilt so sehr:
Was wir heute versäumen, können wir in zehn Jahren nicht einfach nachholen.
Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Berichterstattung von t-online/dpa vom 8. September 2026 zur PISA-Studie 2025. Zahlen und Kernaussagen basieren auf den dort wiedergegebenen Ergebnissen der internationalen PISA-Vergleichsstudie. Der Beitrag wurde von quo vadis Deutschland eigenständig formuliert, strukturiert, kommentiert und eingeordnet.