WIRTSCHAFT · 11. September 2026 · 7 Min. Lesezeit

Für schlechte Geschäfte sind die Unternehmen oft selbst verantwortlich

An die Unternehmen, die ihre Kunden vergraulen – und anschließend über Konsumzurückhaltung klagen.

Leerer Verkaufsraum ohne Verkäufer als Symbol für schlechten Kundenservice

Unternehmen klagen über Konsumzurückhaltung. Dabei vergessen sie, dass sie ihre Kunden häufig selbst vergraulen. Ein persönlicher Beitrag von Jörg Schülke.

Ich kann es langsam nicht mehr hören

Ich kann es langsam nicht mehr hören und frage mich, wozu ich damals Marketing studiert habe – wo doch die Marketing-Philosophie schon längst verstorben ist:

Natürlich gibt es Kaufzurückhaltung. Natürlich achten Menschen stärker auf Preise.

Aber vielleicht sollten Unternehmen endlich mal damit aufhören, die Ursachen ihrer Probleme ausschließlich bei den Kunden, der Politik oder der Konjunktur zu suchen.

Vielleicht sind sie für einen Teil ihrer schlechten Geschäfte schlicht selbst verantwortlich.

Wann haben Sie zuletzt versucht, in einem Geschäft wirklich beraten zu werden?

Man betritt ein großes Geschäft.

Manchmal hat man sogar das Gefühl, mit seinem Wunsch nach Beratung bei der Arbeit zu stören.

Und dann wundert sich der stationäre Handel darüber, dass der Kunde sein Smartphone herausholte, das Produkt googelt – und anschließend im Internet bestellt.

Der stationäre Handel schafft seinen wichtigsten Wettbewerbsvorteil selbst ab

Ein Ladengeschäft kann kaum mit der Produktauswahl des Internets konkurrieren. Es kann häufig auch nicht den niedrigsten Preis anbieten.

Aber es besitzt etwas, was ein Online-Shop nur schwer ersetzen kann: Menschen.

Ausgerechnet an diesen Menschen wird vielerorts gespart. Zu wenig Personal. Zu wenig Ausbildung. Zu wenig Produktschulung. Zu wenig Motivation. Und manchmal leider auch: zu wenig Freundlichkeit.

Das alles ist letztlich ein Führungs-Versagen! Wann verlassen die Führungskräfte endlich mal die Teppichboden-Etage und begeben sich zum Point-of-Sale, zum Schnittpunkt zwischen Unternehmen und Kunden – und überprüfen damit ihre vielfach kontra-produktiven Personal- und Organisations-Konzepte, die selbst die eigenen Mitarbeitenden nicht mehr verstehen?

Das Ergebnis ist betriebswirtschaftlich geradezu paradox: Das Unternehmen spart Personalkosten – und spart damit gleichzeitig an seinem Verkauf.

Ein guter Verkäufer ist kein Kostenfaktor

Er ist ein Umsatzfaktor.

Ein guter Verkäufer erkennt, was ich brauche. Ein sehr guter Verkäufer erkennt manchmal sogar, was ich brauche, bevor ich es selbst genau weiß.

Er verkauft mir möglicherweise nicht das billigste Produkt, sondern das richtige. Und wenn ich mich gut beraten fühle, kaufe ich vielleicht noch etwas dazu. Ich komme wieder. Und ich erzähle anderen davon.

Genau deshalb ist die Vorstellung gefährlich, Verkaufspersonal vor allem als Kostenposition zu betrachten. Wer Verkäufer einspart, spart möglicherweise nicht Kosten – sondern Umsatz.

Haben viele Unternehmer eigentlich eine Ahnung davon, was eine stabile und langjährige Kundenverbindung überhaupt wert ist? Nein – sonst würden sie anders handeln!

Und außerhalb der Geschäfte sieht es nicht besser aus

Ich möchte ein Unternehmen telefonisch erreichen:

Und immer häufiger erledigen wir Kunden die Arbeiten selbst, für die früher das Unternehmen zuständig war. Daten eingeben. Konten anlegen. Dokumente hochladen. Apps installieren. Passwörter verwalten. Identitäten bestätigen. Vorgänge verfolgen.

Alles angeblich im Interesse des Kunden.

Digitalisierung ist großartig – wenn sie dem Kunden Arbeit abnimmt

Wenn sie dagegen hauptsächlich dem Unternehmen Kosten spart und die Arbeit auf den Kunden verlagert, ist das keine Verbesserung des Service.

Es ist Rationalisierung auf Kosten der Kundenzeit. Und Kundenzeit hat einen Wert.

Vielleicht brauchen wir deshalb einen neuen Begriff für den tatsächlichen Preis eines Produktes:

Der wahre Kundenpreis:

= tatsächlicher Preis

Plötzlich kann das vermeintlich billige Angebot ziemlich teuer werden.

Vielleicht ist der Kunde gar nicht geizig

Vielleicht ist er einfach anspruchsvoller geworden. Und warum sollte er das nicht sein?

Mein Vorschlag an jeden Vorstand und Geschäftsführer

Machen Sie einmal den Kundentest im eigenen Unternehmen.

Willkommen? Oder lästig? Beraten? Oder abgefertigt? Begeistert? Oder erschöpft?

Und dann stellen Sie eine letzte Frage:

Würde ich bei meinem eigenen Unternehmen noch einmal kaufen?

Die Antwort darauf könnte interessanter sein als manche hundertseitige Marktstudie.

Der Kunde ist nicht mehr König

Online ist er zum Sachbearbeiter geworden. Am Telefon zum Wartenden. Und im Geschäft manchmal zum Störfaktor.

Vielleicht sollten Unternehmen deshalb aufhören, ständig über den geizigen Kunden zu klagen.

Denn schlechte Geschäfte entstehen nicht nur durch Inflation, Konjunktur, Politik oder Amazon. Manchmal ist die Erklärung viel einfacher:

1. KEINER DA – Zu wenig Personal.
2. KEINE AHNUNG – Zu wenig Kompetenz.
3. KEINE LUST – Der Kunde stört.
4. KEIN MENSCH – Hotline, Bot, Portal.
5. VIEL ZU KOMPLIZIERT – Der Kunde macht alles selbst.

Der Kunde wollte eigentlich nur kaufen …

Und anschließend wundern wir uns über die Konsumzurückhaltung.

Fazit

Ich kann es langsam nicht mehr hören: „Die Kunden sind zu geizig.“ „Die Konsumstimmung ist schlecht.“ „Das Internet macht uns kaputt.“
Natürlich gibt es Kaufzurückhaltung. Aber vielleicht sollten Unternehmen endlich damit aufhören, die Ursachen ihrer Probleme ausschließlich außerhalb zu suchen.

Denn manchmal lautet die unbequeme Antwort: Die Ursache liegt im eigenen Haus.