WIRTSCHAFT · 9. September 2026 · 12 Min. Lesezeit

Ist Deutschland noch ein Land, in dem man Unternehmer sein will?

Der Thomas-Test: Sechs Länder. Derselbe Unternehmer. Wo würden Sie gründen?

Nachdenklicher Unternehmer mit Unterlagen am Schreibtisch

Deutschland braucht Unternehmer. Aber wie attraktiv ist der Standort für genau diese Menschen noch? Wir haben Thomas erfunden – einen Ingenieur mit einer konkreten Idee – und ihn sechs Länder vergleichen lassen. Das Ergebnis ist ehrlich und unbequem.

Das ist Thomas

Thomas ist 42 Jahre alt und Ingenieur.

Er möchte einen Maschinenbaubetrieb gründen. Sein Unternehmen soll 20 Mitarbeiter beschäftigen, rund 5 Millionen Euro Umsatz erzielen und – wenn alles gut läuft – 500.000 Euro Gewinn vor Unternehmenssteuern erwirtschaften.

Thomas braucht Maschinen und Energie. Er braucht Fachkräfte. Er will investieren und wachsen.

Und er hat einen Vorteil, den viele reale Unternehmer nicht haben: Thomas kann sich sein Land außuchen.

Zur Auswahl stehen: Deutschland, Schweiz, Dänemark, Niederlande, Österreich und Estland.

Runde 1: Thomas macht 500.000 Euro Gewinn

Bei einer modellhaften Gewerbesteuer von rund 14 Prozent ergibt sich für eine deutsche Kapitalgesellschaft einschließlich Körperschaftsteuer und Solidaritätszuschlag eine Belastung von knapp 30 Prozent.

Von 500.000 Euro bleiben damit ungefähr:
351.000 Euro.

In Österreich wären es bei 23 Prozent Körperschaftsteuer etwa 385.000 Euro.
In Dänemark rund 390.000 Euro.
In der Schweiz bei rund 19,6 Prozent Gesamtbelastung etwa 402.000 Euro.

Besonders interessant ist Estland: Dort werden Unternehmensgewinne grundsätzlich erst bei Ausschüttung besteuert. Bleibt der Gewinn im Unternehmen und wird investiert, greift zunächst keine klassische Gewinnbesteuerung.

Deutschland sagt Thomas zunächst: Von deinen 500.000 Euro Gewinn gehen in unserem Modell rund 149.000 Euro an den Staat.

Runde 2: Thomas stellt 20 Mitarbeiter ein

Die OECD berechnet den sogenannten Steuer- und Abgabenkeil auf Arbeit. Er beschreibt die Differenz zwischen den gesamten Arbeitskosten eines Arbeitgebers und dem, was einem Arbeitnehmer nach Einkommensteuer und Sozialabgaben verbleibt.

Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag dieser Wert 2025:

Deutschland: 49,3 Prozent
Österreich: 47,1 Prozent
Estland: 42,6 Prozent
Niederlande: 35,9 Prozent
Dänemark: 35,8 Prozent
Schweiz: 23,0 Prozent

Deutschland besitzt damit innerhalb unseres Thomas-Tests die höchste Belastung des Faktors Arbeit. Das ist bemerkenswert für ein Land, das gleichzeitig über Fachkräftemangel klagt.

Runde 3: Thomas schaltet seine Maschinen ein

Unser Maschinenbaür braucht Strom. Nehmen wir einen Verbrauch von einer Million Kilowattstunden pro Jahr an.

Im zweiten Halbjahr 2025 lag der Preis für Nicht-Haushaltskunden in der Verbrauchsklaße 500 bis 2.000 MWh in Deutschland bei rund 22,64 Cent je Kilowattstunde. Der EU-Durchschnitt lag bei 18,37 Cent.

Allein die Differenz zum europäischen Durchschnitt bedeutet für Thomas bei einer Million Kilowattstunden: rund 42.700 Euro pro Jahr.

Unternehmer kalkulieren nicht nur eine Belastung. Sie addieren sie.
Steuern + Arbeitskosten + Energie + Finanzierung + Bürokratie.
Und irgendwann wird aus vielen einzelnen Nachteilen ein Standortnachteil.

Runde 4: Thomas möchte einfach nur anfangen

Thomas möchte seine GmbH gründen. Die OECD beschreibt für Deutschland dafür 14 unterschiedliche Vorgänge bei sieben Verwaltungsstellen.

Ein konsequent integrierter digitaler One-Stop-Shop fehlt.

Der Vergleich mit Estland ist besonders interessant. Das sogenannte Once-only-Prinzip folgt einer verblüffend einfachen Idee: Der Bürger oder Unternehmer liefert dem Staat eine Information einmal – danach organisiert der Staat intern, welche Behörde sie benötigt.

Deutschland arbeitet seit Jahren ebenfalls an diesem Prinzip. Der Unterschied liegt weniger in der Idee. Der Unterschied liegt in der Umsetzung.

Was bekommt Thomas für sein Geld?

Bis hierhin sieht es für Deutschland nicht besonders gut aus. Unternehmenssteuern: hoch. Belastung von Arbeit: sehr hoch. Energie: teuer. Bürokratie: aufwendig.

Doch jetzt betrachten wir die andere Seite der Rechnung.

Thomas braucht schließlich nicht nur einen niedrigen Steuersatz. Er braucht Kunden, Zulieferer, Ingenieure, Facharbeiter, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Banken, Straßen und Schienen, Rechtsicherheit, Patentschutz, Industriepartner und ein wirtschaftliches Umfeld, in dem aus einer guten Idee ein international erfolgreiches Unternehmen werden kann.

Hier besitzt Deutschland nach wie vor enorme Stärken.

Thomas benötigt vielleicht einen Hersteller für Sensoren – 50 Kilometer weiter findet er einen. Er benötigt Spezialisten für CNC-Bearbeitung, Automatisierungstechnik, Software, Werkzeugbau. Eine technische Hochschule. Vielleicht ein Fraunhofer-Institut. Potenzielle Kunden aus Automobilindustrie, Maschinenbau, Medizintechnik oder Chemie.

Dieses Netzwerk ist über Jahrzehnte entstanden. Man kann es nicht mit einem Förderprogramm innerhalb von fünf Jahren erschaffen.

Der Thomas-Index 2026

Wir haben beide Seiten unseres Modelltests jeweils zur Hälfte gewichtet: 50 Prozent Belastung + 50 Prozent Standortleistung.

Das Ergebnis:

1. Schweiz – 89/100
2. Dänemark – 87/100
3. Niederlande – 81/100
4. Estland – 79/100
5. Österreich – 72/100
6. Deutschland – 57/100

Deutschland landet in unserem Vergleich auf dem letzten Platz. Aber nicht, weil Deutschland nichts zu bieten hätte. Sondern weil Deutschland für das, was es bietet, seinen Unternehmern sehr viel abverlangt.

Deutschland hat kein Substanzproblem. Deutschland hat ein Preis-Leistungs-Problem.

Wir legen über eine hervorragende wirtschaftliche Substanz eine immer schwerer werdende Schicht aus hohen Abgaben, hohen Arbeitskosten, hohen Energiepreisen, Vorschriften und Verwaltungsverfahren. Das ist ein bisschen so, als hätten wir einen hervorragenden Motor gebaut – und würden anschließend permanent mit angezogener Handbremse fahren.

Thomas trifft seine Entscheidung

Am Abend sitzt Thomas an seinem Schreibtisch. Sechs Länder liegen vor ihm.

Die Schweiz bietet hervorragende Rahmenbedingungen. Dänemark einen effizienten Staat. Die Niederlande verbinden Internationalität mit vergleichsweise guten Bedingungen. Estland zeigt ihm, wie unkompliziert ein digitaler Staat sein kann. Österreich ist solide und vertraut.

Und Deutschland? Hier sind seine Kunden. Hier kennt er seine Zulieferer. Hier findet er Ingenieure. Hier befinden sich Forschungseinrichtungen. Hier kennt er den Markt.

Eigentlich möchte Thomas überhaupt nicht weg.

Und deshalb lautet seine entscheidende Frage nicht: Warum sollte ich Deutschland verlassen?

Sie lautet: Warum macht Deutschland es mir so schwer, hierzubleiben?

Unternehmer benötigen nicht permanent neue Förderprogramme. Sie brauchen einen Staat, der Steuern verlangt – aber mit diesem Geld hervorragend funktioniert. Einen Staat, der digital organisiert ist. Einen Staat, der Genehmigungen schnell entscheidet. Und vor allem: einen Staat, der unternehmerisches Risiko nicht als etwas Verdächtiges betrachtet, sondern als Voraussetzung für Arbeitsplätze, Innovation und Wohlstand.

KI-unterstützte Recherche · Quellen redaktionell geprüft · Bewertung durch quo vadis Deutschland

Fazit

Deutschland ist noch immer ein Land, in dem man Unternehmer sein kann – mit außergewöhnlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Aber unser Thomas-Test legt einen unangenehmen Befund nahe: Deutschland lebt zunehmend von der Substanz eines hervorragenden Wirtschaftsstandortes, während die staatlichen Rahmenbedingungen einen Teil dieses Vorteils wieder aufzehren. Bürokratie ist kein Naturgesetz. Steuersysteme sind menschengemacht. Lasst die Unternehmer wieder unternehmen.

Der Thomas-Test ist ein Modell von quo vadis Deutschland und kein amtlicher internationaler Standortindex. Einzelne Kennzahlen beruhen auf internationalen Statistiken von OECD, Eurostat und EU-Kommission. Steuer- und Abgabenkeil 2025: OECD Taxing Wages. Strompreise: Eurostat, zweites Halbjahr 2025. Der Zweck des Thomas-Tests: Er macht die abstrakte Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands konkret, nachvollziehbar und diskutierbar.