Den Staat verschlanken: Weniger Doppelstrukturen. Mehr Wirkung.
Deutschland braucht einen leistungsfähigen Staat. Aber braucht ein leistungsfähiger Staat tatsächlich immer mehr Verwaltung?
Staat verschlanken: Wie viele Doppelstrukturen hat Deutschland wirklich? Sieben konkrete Hebel für weniger Verwaltung – und mehr Wirkung.
Die entscheidende Frage
Deutschland braucht einen leistungsfähigen Staat. Aber braucht ein leistungsfähiger Staat tatsächlich immer mehr Verwaltung?
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Welche staatlichen Leistungen können wir streichen? Sondern:
Wie viel Verwaltung benötigt der Staat eigentlich, um seine Aufgaben zu erfüllen?
Polizei, Zoll, Bundeswehr, Justiz, Katastrophenschutz und andere operative Kernbereiche stehen bei dieser Betrachtung ausdrücklich nicht zur Diskussion. Im Gegenteil: Ein effizienterer Verwaltungsapparat könnte gerade dort Ressourcen freisetzen, wo der Staat unmittelbar für seine Bürger tätig wird.
Das Problem sind häufig nicht die Aufgaben – sondern die Strukturen
Über Jahrzehnte sind auf Bundesebene zahlreiche Behörden, Dienststellen und Verwaltungsstrukturen entstanden. Viele verfügen über eigene Personalverwaltungen, IT-Systeme, Beschaffungsstellen, Haushaltsabteilungen, Förderverfahren, Gebäude und interne Dienstleistungen.
Jede einzelne Struktur mag historisch begründbar sein.
In ihrer Summe stellt sich jedoch die Frage: Muss wirklich jede Organisation diese Funktionen selbst vorhalten?
Ein großes Unternehmen würde kaum akzeptieren, dass jede Niederlaßung ihre eigene IT-Landschaft, Einkaufsplattform, Reisekostenabrechnung und Personaladministration entwickelt.
Warum sollte der Staat anders organisiert sein?
Sieben Hebel für eine schlankere Bundesverwaltung
Ein moderner Staat könnte zahlreiche interne Dienstleistungen bündeln.
- Zentrale Personalverwaltung: Bezüge, Reisekosten, Personalakten und andere Standardprozesse könnten wesentlich stärker über gemeinsame Servicezentren abgewickelt werden.
- Zentrale Beschaffung: Statt vieler unterschiedlicher Einkaufs- und Vergabestrukturen könnten gemeinsame Plattformen, Rahmenverträge und Standards genutzt werden.
- IT-Konsolidierung: Weniger unterschiedliche Systeme, stärker gebündelte Rechenzentren, gemeinsame Standardsoftware und zentrale IT-Dienstleistungen könnten Kosten und Personalbedarf reduzieren.
- Bündelung der Förderverwaltung: Unternehmen und Bürger sollten nicht für jedes Förderprogramm neue Portale, Antragswege und Nachweisverfahren kennenlernen müssen. Das Ziel müsste lauten: eine Plattform statt vieler Verfahren.
- Behördenfusionen: Nicht jede staatliche Aufgabe benötigt eine eigene Organisation mit Leitung, Stabsstellen, Verwaltung und Infrastruktur. Aufgaben verwandter Behörden könnten zusammengeführt werden.
- Automatisierung und KI: Viele standardisierte Verwaltungsvorgänge lassen sich heute zumindest teilweise automatisieren. Mitarbeiter könnten sich dadurch stärker auf komplexe Fälle und den unmittelbaren Kontakt mit Bürgern konzentrieren.
- Weniger Gebäude und Infrastruktur: Weniger Organisationseinheiten und gemeinsame Backoffices bedeuten langfristig auch weniger Büroflächen, Fuhrparks, Energie-, Betriebs- und Bewirtschaftungskosten.
Was könnte das bringen?
Wir haben versucht, die Größenordnung anhand öffentlich verfügbarer Daten und plausibler Effizienzannahmen abzuschätzen.
Dabei ergeben sich drei Szenarien:
- Vorsichtig: rund 15.000 Stellen und etwa 2,6 Milliarden Euro jährliches Einsparpotenzial.
- Realistisch: rund 20.000 Stellen und etwa 3,8 Milliarden Euro jährlich.
- Ambitioniert: bis zu 25.000 Stellen und rund 5 Milliarden Euro jährlich.
Rund 20.000 Stellen weniger – rund 3 bis 4 Milliarden Euro weniger Verwaltungskosten pro Jahr.
Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass morgen 20.000 Beschäftigte entlassen werden sollen.
Personalabbau kann über Jahre durch Pensionierungen, natürliche Fluktuation, zurückhaltende Wiederbesetzung, Versetzungen und Qualifizierung erfolgen.
Der Umbau einer Verwaltung ist schließlich selbst eine große Managementaufgabe.
Warum wir bewusst nicht mehr von 40.000 Stellen sprechen
Bei einer ersten überschlägigen Betrachtung hatten wir ein Potenzial von 25.000 bis 40.000 Stellen angenommen.
Nach einer genaueren Prüfung halten wir diese Größenordnung für zu hoch.
Insbesondere der Vergleich mit den tatsächlich für Personaleinsparungen infrage kommenden Bereichen der Bundesverwaltung zeigt, dass 40.000 Stellen allein durch Backoffice-Bündelung, Behördenfusionen und Digitalisierung kaum seriös zu begründen wären.
Wir korrigieren deshalb unsere ursprüngliche Einschätzung.
15.000 bis 20.000 Stellen halten wir für ein plausibles langfristiges Reformpotenzial. Bis zu 25.000 Stellen betrachten wir als ambitionierte Obergrenze.
Auch das gehört für uns zu einem Staats-Check: Eine Zahl wird nicht dadurch richtig, dass sie gut klingt.
Ein schlanker Staat ist kein schwacher Staat
Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis vieler Diskussionen über Bürokratieabbau.
Ein schlanker Staat muss keineswegs weniger leisten.
Er kann sogar mehr leisten, wenn weniger Ressourcen für seine eigene Organisation benötigt werden.
Wenn ein Verwaltungsmitarbeiter nicht mehr Daten aus einem System in ein anderes übertragen muss, kann er sich um einen Bürger kümmern.
Wenn Behörden gemeinsame IT-Systeme verwenden, können Mittel für andere Aufgaben eingesetzt werden.
Wenn Beschaffung gebündelt wird, steigt die Einkaufsmacht des Staates.
Und wenn Standardvorgänge automatisiert werden, können qualifizierte Mitarbeiter dort eingesetzt werden, wo menschliches Urteilsvermögen tatsächlich erforderlich ist.
Deshalb lautet unser Ziel nicht:
Weniger Staat.
Sondern:
Weniger Verwaltung des Staates mit sich selbst.
Ein moderner Staat sollte seine Mitarbeiter und das Geld seiner Bürger möglichst dort einsetzen, wo daraus eine konkrete Leistung für Bürger, Unternehmen und Gesellschaft entsteht.
Fazit
Die Reihenfolge entscheidet: Erst die Struktur optimieren – dann die Ressourcen gezielt einsetzen. Ein schlanker Staat ist nicht weniger Staat. Er ist ein besserer.
Die genannten Einsparpotenziale sind keine amtliche Prognose, sondern eine Modellrechnung von quo vadis Deutschland. Grundlage sind öffentlich verfügbare Personal- und Haushaltsdaten sowie angenommene Effizienzgewinne durch Zentralisierung, Behördenfusionen, Digitalisierung und Automatisierung. Sicherheits- und operative Kernbereiche wie Polizei, Zoll, Bundeswehr, Justiz und Katastrophenschutz sind ausdrücklich nicht Gegenstand der angenommenen Einsparungen.