So könnte Politik funktionieren – erst die Vision, dann die Strategie
Warum Politik zu oft über den Weg streitet, bevor sie weiß, wohin sie will
In der Unternehmenswelt ist es selbstverständlich: Erst kommt die Vision, dann die Strategie, dann die Maßnahmen. In der Politik ist es oft umgekehrt. Wir streiten erbittert über Wege – ohne uns vorher auf das Ziel geeinigt zu haben.
Die schwierigste Aufgabe
In meiner Arbeit als Coach und Unternehmensberater habe ich über viele Jahre eine Erfahrung gemacht: Die schwierigste Aufgabe besteht oft nicht darin, die richtigen Maßnahmen zu finden. Die schwierigste Aufgabe besteht darin, zunächst herauszufinden, wohin man überhaupt will.
Bei Menschen kann dieser Prozess lange dauern. Was möchte ich von meinem bisherigen Leben bewahren? Wovon möchte ich mich trennen? Was fehlt mir? Und vor allem: Wie möchte ich künftig leben?
Bei Unternehmen ist es nicht wesentlich anders. Eine belastbare Vision entsteht nicht bei einem zweistündigen Workshop mit ein paar wohlklingenden Begriffen. Sie verlangt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Zukunft.
Aber wenn diese Vision einmal steht, geschieht etwas Interessantes:
Ziele werden klarer. Entscheidungen werden leichter. Und die richtigen Strategien lassen sich häufig erstaunlich schnell entwickeln.
Warum sollte dieses Prinzip nicht auch für ein Land gelten?
Wir streiten über das Wie – nicht über das Warum
Schaut man auf den politischen Alltag, entsteht häufig der gegenteilige Eindruck.
Wir diskutieren über Steuererhöhungen oder Steuersenkungen, Bürgergeld, Renteneintrittsalter, Schulden, Subventionen, Verbote, Förderprogramme, Migration, Wärmepumpen, Verteidigungsausgaben oder neue Behörden.
Das alles sind wichtige Fragen.
Aber es sind überwiegend Strategie- und Maßnahmenfragen.
Die größere Frage wird viel seltener gestellt:
In welchem Deutschland wollen wir im Jahr 2040 eigentlich leben?
Wie wirtschaftlich stark soll dieses Land sein? Was verstehen wir unter sozialer Gerechtigkeit? Welche Verantwortung trägt der Staat – und welche der einzelne Bürger? Wie viel Freiheit und Eigenverantwortung wollen wir? Welche soziale Absicherung brauchen wir? Was bedeutet Leistung? Welche Rolle soll Deutschland in Europa und der Welt spielen? Was wollen wir unseren Kindern hinterlassen?
Das sind keine Strategiefragen.
Das sind Visionsfragen.
Vielleicht streiten unsere Parteien auf der falschen Ebene
CDU und SPD können völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie ein Problem gelöst werden soll.
Das ist in einer Demokratie selbstverständlich.
Problematisch wird es aber, wenn beide Parteien unmittelbar mit ihren jeweiligen Strategien in eine Koalitionsverhandlung gehen.
Dann beginnt das bekannte Verfahren:
Die eine Partei fordert A.
Die andere fordert B.
Nach langen Verhandlungen einigt man sich auf C.
C liegt irgendwo dazwischen und wird anschließend als Kompromiss präsentiert.
Aber eine entscheidende Frage bleibt unbeantwortet:
Ist C überhaupt die beste Lösung für das Deutschland, das wir gemeinsam schaffen wollen?
Das lässt sich nicht beantworten, solange dieses gemeinsame Zukunftsbild nicht existiert.
Wir brauchen mehr Streit über Visionen
Deshalb wünsche ich mir keineswegs weniger politischen Streit.
Ich wünsche mir Streit auf einer anderen Ebene.
CDU, SPD, Grüne, Linke und andere demokratische Parteien sollten uns viel deutlicher erklären, welches Deutschland sie eigentlich anstreben.
Nicht mit 150 Seiten Wahlprogramm.
Sondern verständlich und konkret:
Beschreibt uns Deutschland im Jahr 2040.
Wie leben die Menschen dort? Wie funktioniert der Staat? Wie leistungsfähig ist die Wirtschaft? Wie funktioniert soziale Sicherung? Wie sieht Bildung aus? Welche Chancen haben junge Menschen? Welche Verpflichtungen haben Bürger gegenüber der Gemeinschaft? Und welche Verpflichtungen hat die Gemeinschaft gegenüber dem Einzelnen?
Dann hätten wir endlich etwas, worüber sich politisch wirklich zu streiten lohnt.
Und die Bürger könnten entscheiden:
Welches dieser Zukunftsbilder überzeugt mich?
Koalitionsverhandlungen mussten mit der Vision beginnen
Noch interessanter würde es nach einer Wahl.
Bevor zwei Parteien über Ministerien, Steuerprozentsätze, Förderprogramme und Einzelgesetze verhandeln, mussten sie sich zunächst zusammensetzen und ihre Zukunftsbilder vergleichen.
- Was verbindet uns?
- Wo unterscheiden wir uns?
- Was wollen wir unbedingt bewahren?
- Was wollen wir verändern?
- Und welches gemeinsame Deutschland können wir uns vorstellen?
Nicht als kleinster gemeinsamer Nenner, sondern als gemeinsamer Visionskorridor.
Zum Beispiel:
Deutschland soll 2040 ein wirtschaftlich starkes, freiheitliches und sozial verantwortliches Land sein, in dem Leistung und Eigenverantwortung ebenso selbstverständlich sind wie die Absicherung derjenigen, die sich nicht selbst helfen können.
Ob das die richtige Vision wäre, darüber darf und soll gestritten werden.
Aber wenn man sich auf ein solches Zukunftsbild verständigt hat, verändert sich die gesamte politische Diskussion.
Dann bekommt jede politische Maßnahme eine einfache Frage
Bei jeder größeren Entscheidung müsste anschließend geprüft werden:
Bringt uns diese Maßnahme unserer vereinbarten Vision näher – oder nicht?
Wenn sie das tut: umsetzen.
Wenn sie es nicht tut: verwerfen.
Und wenn eine bisher favorisierte Strategie nicht funktioniert, muss eine andere entwickelt werden.
Nicht die Vision wird der Strategie angepasst. Die Strategie wird an der Vision gemessen.
Genau das geschieht in gut geführten Unternehmen.
Vielleicht ist das eines unserer politischen Grundprobleme
Deutschland leidet möglicherweise nicht an einem Mangel an Maßnahmen.
Wir haben Gesetze, Förderprogramme, Sondervermögen, Kommissionen, Verordnungen, Ministerien, Beauftragte und immer neue Reformpakete.
Vielleicht haben wir sogar zu viele Maßnahmen.
Was uns fehlt, könnte etwas viel Einfacheres und gleichzeitig viel Schwierigeres sein:
eine Vorstellung davon, wohin diese vielen Maßnahmen gemeinsam führen sollen.
Das erklärt möglicherweise auch einen Teil der zunehmenden Bürokratie. Wenn die übergeordnete Richtung fehlt, wird jedes einzelne Problem isoliert behandelt. Für jedes Problem entsteht eine neue Regel, ein neues Programm oder eine neue Zuständigkeit.
Am Ende wächst die Komplexität – aber nicht unbedingt die Wirkung.
Die Reihenfolge entscheidet
Vielleicht mussten wir deshalb Politik wieder in einer sehr einfachen Reihenfolge denken:
WARUM? – Vision
In welchem Deutschland wollen wir leben?
WAS? – Ziele
Was müssen wir erreicht haben, damit dieses Deutschland Wirklichkeit wird?
WIE? – Strategie
Welche Wege führen am besten dorthin?
WOMIT? – Maßnahmen
Welche Gesetze, Investitionen und Veränderungen sind dafür tatsächlich notwendig?
Erst dann lässt sich überprüfen, ob Politik erfolgreich ist.
Und vielleicht würden wir dabei sogar feststellen, dass manche heute erbittert diskutierte Maßnahme vollkommen unwichtig ist – während andere Veränderungen längst überfällig sind.
Ein ungewöhnlicher Wunsch an die Politik
Ich wünsche mir deshalb nicht weniger Streit im Deutschen Bundestag.
Im Gegenteil.
Streitet mehr.
Aber streitet endlich darüber, welches Deutschland ihr wollt.
Streitet über Freiheit und Verantwortung. Über Leistung und Solidarität. Über Wohlstand und Nachhaltigkeit. Über Staat und Bürger. Über Chancen und Verpflichtungen. Über das Verhältnis der Generationen.
Und wenn ihr euch anschließend zu einer Koalition zusammenschließt, dann findet zuerst heraus, welches gemeinsame Zukunftsbild euch verbindet.
Erst danach sollten Ziele, Strategien und Maßnahmen folgen.
Denn:
Wer sich über das Ziel der Reise nicht verständigt hat, sollte nicht stundenlang darüber streiten, welchen Weg er nimmt.
Vielleicht ist eine solche Politik tatsächlich eine Vision.
Aber genau dafür sind Visionen schließlich da.
Fazit
Wer sich über das Ziel der Reise nicht verständigt hat, sollte nicht stundenlang darüber streiten, welchen Weg er nimmt. Deutschland braucht keine weiteren Maßnahmenpakete. Deutschland braucht zuerst eine Vision – und dann den Mut, Strategien an ihr zu messen.