Wenn Wahlergebnisse Regierungen erzwingen, die niemand wirklich wollte
Steht unser Parteiensystem kurz vor der Implosion?
Bei der Bundestagswahl 2025 erreichten CDU/CSU 28,6 Prozent, die SPD nur noch 16,4 Prozent, die AfD 20,8 Prozent. Je größer Parteien werden, mit denen andere nicht koalieren wollen, desto kleiner wird der Raum für Alternativen.
Das Koalitionsdilemma
Das Problem besteht nicht darin, dass AfD oder Linke im Parlament vertreten sind. Ihre Mandate beruhen auf Wählerstimmen.
Das strukturelle Problem entsteht an einer anderen Stelle:
Je größer Parteien werden, mit denen andere Parteien nicht koalieren wollen, desto kleiner wird der Raum für alternative Mehrheiten.
Und damit verändert sich die Logik der Regierungsbildung.
Früher lautete die Frage:
Wer möchte miteinander regieren?
Heute lautet sie zunehmend:
Wer muss miteinander regieren, damit überhaupt noch eine Mehrheit zustande kommt?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Mecklenburg-Vorpommern als Lehrstück
Die AfD erhielt 38,2 Prozent der Stimmen. Weil die übrigen Parteien eine Koalition mit ihr vor der Wahl ausgeschlossen hatten, bleibt für eine Regierung ohne AfD nach dem vorläufigen Wahlergebnis rechnerisch eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen möglich.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Situation:
Die SPD hat 35,5 Prozent erreicht. Linke und Grüne kommen gemeinsam auf 12,2 Prozent.
Trotz dieses erheblichen Größenunterschieds braucht die SPD beide Parteien, wenn genau diese Mehrheitsoption realisiert werden soll.
Damit erhalten kleinere Koalitionspartner zwangsläufig Verhandlungsmacht.
Das ist parlamentarisch völlig legitim. Aber politisch entsteht ein Dilemma.
Denn jeder Partner hat eigene Programme, eigene Mitglieder, eigene Wähler und eigene rote Linien.
Und dann beginnt der Verdünnungseffekt
Am Anfang stehen Wahlprogramme und Erwartungen der Bürger.
Dann kommen:
Koalitionszwang → Koalitionsverhandlungen → Koalitionsvertrag → Vetos → Lobby- und Verbandsinteressen → Kompromisse.
Und ganz unten im Trichter soll schließlich die Reform herauskommen.
Wie viel bleibt vom ursprünglichen Reformvorhaben?
Das ist keineswegs ein Argument gegen Kompromisse. Kompromisse gehören zur Demokratie.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem produktiven Kompromiss und der gegenseitigen Neutralisierung politischer Ziele.
Wenn jeder Partner verhindern kann, was seinen eigenen Wählern nicht gefällt, entsteht irgendwann Politik nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners.
Dann wird aus einer Reform:
• ein bisschen hiervon,
• ein bisschen davon,
• eine Ausnahme für diese Gruppe,
• eine Übergangsregelung für jene,
• eine Prüfungskommission,
• eine Evaluation
und schließlich ein Gesetz, mit dem niemand wirklich zufrieden ist.
Die politischen Ränder verändern damit auch die Mitte
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis. AfD und Linke verändern die deutsche Politik nicht nur durch ihre eigenen politischen Forderungen. Ihre Stärke verändert die Koalitionsmöglichkeiten aller anderen Parteien.
Dadurch können Parteien miteinander verbunden werden, die in zentralen Fragen erheblich auseinanderliegen:
• Migration
• Sozialpolitik
• Steuern
• Klima
• Energie
• Wirtschaft
• Staatsausgaben
• Rente
Bei einer solchen Konstellation besteht die Gefahr, dass erhebliche politische Energie nicht mehr für die Lösung von Problemen verwendet wird, sondern dafür, die Koalition zusammenzuhalten.
Aus Koalitionsfreiheit wird Koalitionszwang
Und aus Koalitionszwang kann politischer Stillstand entstehen.
Ein gefährlicher Kreislauf
Besonders problematisch wäre, wenn daraus ein sich selbst verstärkender Mechanismus entsteht:
1. Die traditionellen Parteien verlieren Wähler.
2. AfD oder Linke werden stärker.
3. Bestimmte Koalitionen werden ausgeschlossen.
4. Die verbleibenden Parteien müssen breitere und programmatisch schwierigere Bündnisse bilden.
5. Reformen werden stärker kompromissgeprägt.
6. Bürger erleben die Politik als langsam, widersprüchlich oder wirkungslos.
7. Die traditionellen Parteien verlieren weiter Vertrauen.
8. Parteien außerhalb der bisherigen politischen Mitte werden noch stärker.
Und dann beginnt der Kreislauf von vorne.
Das wäre tatsächlich eine gefährliche Entwicklung für das bisherige Parteiensystem.
Dann müssen die etablierten Parteien eben bessere Politik machen
Diesen Satz hört man inzwischen ständig. Er ist richtig – und gleichzeitig erstaunlich unpräzise.
Denn was bedeutet gute Politik?
• Eine Regierung kann eine wirtschaftlich sinnvolle Reform beschließen und damit soziale Interessen verletzen.
• Sie kann Sozialleistungen ausbauen und damit Haushaltsprobleme verschärfen.
• Sie kann Bürokratie abbauen und gleichzeitig Kontrollmöglichkeiten reduzieren.
Politik besteht fast immer aus Zielkonflikten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob eine Regierung es allen recht machen kann. Das kann sie nicht.
Die Frage lautet: Ist sie noch in der Lage, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen durchzuhalten?
Vielleicht müssen wir deshalb über das Regieren selbst sprechen
Wenn das Parteiensystem dauerhaft fragmentierter wird, kann die Antwort nicht darin bestehen, immer kompliziertere Koalitionen zu bilden und anschließend vier Jahre lang jede Sachentscheidung an einen Koalitionsvertrag zu binden.
Vielleicht brauchen wir mehr parlamentarische Demokratie im eigentlichen Sinne.
• Mehr freie Abstimmungen.
• Mehr wechselnde Mehrheiten.
• Mehr projektbezogene Zusammenarbeit.
• Mehr persönliche Verantwortung der Abgeordneten.
• Und weniger Vorstellung davon, dass eine Regierung bei jeder einzelnen politischen Frage geschlossen abstimmen muss.
Warum sollte beispielsweise eine sinnvolle Reform daran scheitern, dass ein Koalitionspartner sie ablehnt, wenn dafür im Deutschen Bundestag eine demokratische Mehrheit vorhanden wäre?
Eine solche politische Kultur wäre ungewohnt. Aber möglicherweise passt sie besser zu einer Gesellschaft, deren Parteiensystem dauerhaft vielfältiger geworden ist.
Quo Vadis Deutschland?
Die AfD wird nicht dadurch verschwinden, dass andere Parteien ihre Existenz beklagen. Auch die Linke verschwindet nicht, weil ihre politischen Vorstellungen anderen Parteien zu weit gehen. Beide Parteien werden von Millionen Bürgern gewählt.
Die demokratische Herausforderung lautet deshalb nicht, Wahlergebnisse passend zu machen. Sie lautet: Wie machen wir unser politisches System unter veränderten Wahlergebnissen wieder handlungsfähig?
Wir sollten deshalb weniger darüber diskutieren, welche Parteien miteinander dürfen, und stärker darüber, wie parlamentarische Mehrheiten für vernünftige Lösungen entstehen können.
Denn möglicherweise erleben wir nicht die Implosion der Demokratie. Wir erleben aber das Ende einer politischen Mechanik, die jahrzehntelang funktioniert hat.
Und genau deshalb brauchen wir eine neue.
Fazit
Das System verändert sich fundamental
Dieser Beitrag ist eine eigenständige Analyse von Quo Vadis Deutschland. Anlass war der am 25. September 2026 veröffentlichte n-tv-Kommentar 'Das Parteiensystem steht kurz vor der Implosion'. Dessen zentrale Fragestellung wurde aufgegriffen, die Argumentation dieses Beitrags jedoch eigenständig entwickelt. Der n-tv-Text vertritt die These, dass die zunehmende Stärke von AfD und Linken die übrigen Parteien zu immer schwierigeren Bündnissen zwingt. Die genannten Wahlergebnisse beruhen auf dem endgültigen Ergebnis der Bundestagswahl 2025 der Bundeswahlleiterin, dem Berliner Wahlergebnis der Landeswahlleitung sowie dem derzeit vorläufigen Ergebnis der Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern. Für Mecklenburg-Vorpommern liegt zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch kein endgültiges Ergebnis vor. Die Begriffe 'Koalitionszwang', 'politischer Verdünnungseffekt' und der beschriebene Kreislauf aus Fragmentierung, schwierigerer Regierungsbildung und möglichem Vertrauensverlust sind analytische Modelle von Quo Vadis Deutschland. Sie stellen keine empirisch bewiesene zwangsläufige Entwicklung dar. Insbesondere folgt aus programmatischen Differenzen nicht automatisch, dass eine Koalition handlungsunfähig wird; Koalitionen können unterschiedliche politische Positionen auch erfolgreich integrieren. Stand: 25. September 2026