Wer die Mitte verliert, verliert das Land
Warum Deutschlands gesellschaftliche Mitte mehr Aufmerksamkeit verdient
In vielen Märkten beobachten wir den Wespentaillen-Effekt: Premium wächst, Discount wächst – und die Mitte schrumpft. Was, wenn dasselbe längst unsere Gesellschaft beschreibt?
Die Wespentaille
In meiner Zeit als Unternehmensberater habe ich immer wieder auf einen Effekt hingewiesen, den ich den „Wespentaillen-Effekt“ genannt habe.
Viele Märkte hatten früher bildlich gesprochen die Form eines Eis: oben ein relativ kleiner Markt für besonders hochwertige und teure Produkte, unten ein kleineres Billigsegment – und dazwischen eine gewaltige Mitte.
Dort wurde das große Geschäft gemacht.
Das Auto war nicht luxuriös, aber gut. Das Hotel hatte keine fünf Sterne, war aber ordentlich. Die Möbel hielten viele Jahre, ohne Designobjekte zu sein. Das Restaurant war weder Gourmettempel noch Schnellimbiss.
Das Erfolgsrezept lautete:
Gute Qualität zu einem vernünftigen Preis.
Und Millionen Menschen konnten und wollten sich genau das leisten.
Heute lässt sich in vielen Märkten eine andere Entwicklung beobachten. Die Mitte gerät unter Druck.
- Für Menschen mit hohen Einkommen ist das durchschnittliche Angebot häufig nicht mehr attraktiv genug. Sie kaufen Premium, Individualität und besondere Qualität.
- Menschen mit wenig verfügbarem Einkommen haben das entgegengesetzte Problem: Für sie ist dasselbe Angebot zu teuer. Sie suchen Discounter, Eigenmarken und möglichst preisgünstige Alternativen.
Aber was, wenn dies längst nicht mehr nur ein Phänomen des Marketings ist?
Was, wenn die Wespentaille zunehmend unsere Gesellschaft beschreibt?
Die Mitte ist tatsächlich kleiner geworden
Für diese These gibt es zumindest deutliche Hinweise.
Eine gemeinsame Untersuchung von OECD und Bertelsmann Stiftung definiert die mittlere Einkommensgruppe als Menschen in Haushalten mit verfügbaren Einkommen zwischen 75 und 200 Prozent des Medianeinkommens.
1995 gehörten danach rund 70 Prozent der Bevölkerung Deutschlands zur Einkommensmitte.
2018 waren es noch 64 Prozent.
Besonders bemerkenswert: Der Rückgang erfolgte hauptsächlich Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre. Danach gelang es trotz steigender Beschäftigung nicht, die frühere Größe der Mitte wiederherzustellen. Vor allem die untere Mittelschicht verlor an Gewicht.
Sechs Prozentpunkte mögen zunächst nicht dramatisch klingen.
Auf die Bevölkerung eines Landes wie Deutschland übertragen, handelt es sich jedoch um Millionen Menschen.
Und möglicherweise ist die reine Größe der Mittelschicht noch gar nicht das Entscheidende.
Wer gehört überhaupt zur Mitte?
Hier beginnt ein statistisches Problem, das wir nicht verschweigen wollen.
Es gibt keine allgemeingültige Definition der Mittelschicht.
Das Institut der deutschen Wirtschaft verwendet beispielsweise eine engere Definition. Danach gehörte 2022 knapp jeder zweite Deutsche zur sogenannten Kern-Mittelschicht. Für einen Alleinlebenden entsprach dies damals einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen etwa 1.850 und 3.470 Euro.
Deshalb dürfen unterschiedliche Prozentzahlen verschiedener Studien nicht einfach zu einer scheinbar exakten Zeitreihe verbunden werden.
Aber vielleicht ist eine andere Zahl fast noch interessanter.
In der ALLBUS-Befragung 2023 bezeichneten sich 55,5 Prozent der Befragten selbst als Mittelschicht, weitere knapp 17 Prozent als obere Mittelschicht.
„Mitte“ ist also nicht nur eine Einkommensklasse.
Sie ist auch ein Lebensgefühl.
Das Versprechen der Mitte
Über Jahrzehnte existierte in der Bundesrepublik ein unausgesprochenes gesellschaftliches Versprechen:
Wer arbeitet, sich qualifiziert, vernünftig wirtschaftet und Verantwortung übernimmt, soll sich damit ein ordentliches Leben aufbauen können.
- Keine Villa.
- Keine Yacht.
- Keinen Porsche vor der Tür.
Genau dieses Versprechen ist für eine soziale Marktwirtschaft von ungeheurer Bedeutung.
Denn die gesellschaftliche Mitte verbindet zwei Vorstellungen miteinander:
Leistung lohnt sich – und Aufstieg ist möglich.
Was passiert, wenn immer mehr Menschen daran zweifeln?
Unten wächst gleichzeitig der Druck
Auch die aktuellen Armutszahlen sollten uns nachdenklich machen.
Nach den neuesten Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes waren 2025 16,1 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Im Vorjahr waren es 15,5 Prozent. Rund 13,3 Millionen Menschen lagen damit unterhalb der statistischen Armutsgefährdungsgrenze. Insgesamt waren 21,2 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.
Für einen Alleinlebenden lag die Armutsgefährdungsschwelle 2025 bei rund 1.445 Euro netto monatlich, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei rund 3.034 Euro.
Auch hier ist Vorsicht notwendig: Armutsgefährdung bedeutet relative Einkommensarmut und nicht zwangsläufig materielle Not.
Aber die Zahlen zeigen, dass der untere Rand unserer Gesellschaft keineswegs ein Randproblem ist.
Die gefährlichste Entwicklung findet vielleicht innerhalb der Mitte statt
Mich beschäftigt deshalb weniger die Frage, ob die Mittelschicht heute statistisch 48, 55 oder 64 Prozent umfasst.
Mich interessiert etwas anderes:
Wie fühlt sich das Leben für diejenigen an, die sich selbst zur Mitte zählen?
- Kann eine Familie mit zwei durchschnittlichen Einkommen noch Wohneigentum erwerben?
- Wie viel bleibt nach Miete, Energie, Versicherungen, Mobilität, Lebensmitteln, Steuern und Sozialabgaben?
- Kann sie Vermögen aufbauen?
- Kann sie für das Alter vorsorgen?
- Kann sie ihren Kindern bessere Startbedingungen ermöglichen?
Genau hier könnte sich entscheiden, ob unsere Wespentaille lediglich eine interessante ökonomische Beobachtung bleibt – oder zu einem politischen Problem wird.
Aus dem Konsumproblem wird ein Demokratieproblem
Eine Demokratie braucht keine Gesellschaft, in der alle gleich viel besitzen.
Aber eine stabile Demokratie braucht eine große Zahl von Menschen, die das Gefühl haben, dazuzugehören.
- Menschen, die Steuern bezahlen und trotzdem erkennen können, was sie dafür bekommen.
- Menschen, die arbeiten und feststellen, dass sich ihre Arbeit lohnt.
- Menschen, die Regeln akzeptieren, weil sie diese grundsätzlich für fair halten.
- Menschen, die daran glauben, dass ihre Kinder mindestens dieselben Chancen haben werden wie sie selbst.
Dann wächst nicht zwangsläufig sofort die Armut.
Zuerst wächst etwas anderes:
Frustration.
- Das Gefühl, trotz eigener Anstrengung nicht mehr voranzukommen.
- Das Gefühl, dass andere bevorzugt werden.
- Das Gefühl, dass die eigenen Steuern und Abgaben ständig steigen, während staatliche Leistungen gleichzeitig schlechter werden.
Spätestens dann wird aus einer wirtschaftlichen Entwicklung eine politische.
Vielleicht haben wir zu lange auf die Ränder geschaut
Politik beschäftigt sich verständlicherweise intensiv mit Menschen, die staatliche Unterstützung benötigen.
Gleichzeitig diskutieren wir über Vermögende, Spitzensteuersätze, Millionäre und Milliardäre.
Doch zwischen diesen beiden Polen befindet sich die Gruppe, die einen erheblichen Teil dieses Landes trägt.
- Arbeitnehmer.
- Fachkräfte.
- Selbständige.
- Handwerker.
- Ingenieure.
- Lehrer.
- Pflegekräfte.
- Unternehmer.
- Familien.
Vielleicht müsste Politik ihnen viel häufiger eine sehr einfache Frage stellen:
Wie geht es Ihnen eigentlich?
Zurück zur Wespentaille
Damit schließt sich der Kreis zu meiner Beobachtung aus der Unternehmensberatung.
Wenn der Markt für ein Produkt in der Mitte verschwindet, muss sich ein Unternehmen neu positionieren.
Entweder nach oben.
Oder nach unten.
Eine Gesellschaft kann das nicht so einfach.
Wir können nicht akzeptieren, dass sich Deutschland irgendwann in zwei große Lebenswelten aufteilt:
Diejenigen, die sich steigende Preise problemlos leisten können – und diejenigen, die auf möglichst niedrige Preise angewiesen sind.
Dazwischen brauchen wir weiterhin eine breite, selbstbewusste und wirtschaftlich leistungsfähige Mitte.
Nicht aus Nostalgie.
Sondern weil diese Mitte einen erheblichen Teil unseres Wohlstands, unserer sozialen Stabilität und unseres demokratischen Zusammenhalts trägt.
Deshalb lautet unsere These:
Wer die Mitte verliert, verliert auf lange Sicht das Land.
Das ist keine Behauptung, dass Deutschlands Mitte bereits verschwunden sei.
Und es ist auch keine Behauptung, dass Deutschland zwangsläufig in eine Gesellschaft aus Arm und Reich zerfällt.
Es ist eine Warnung.
Eine starke Mitte ist kein Luxus einer wohlhabenden Gesellschaft.
Sie ist eine ihrer Voraussetzungen.
Fazit
Wer die Mitte verliert, verliert auf lange Sicht das Land. Nicht weil die Mitte bereits verschwunden wäre – sondern weil das Vertrauen dieser Mitte in Fairness, Leistungsgerechtigkeit und staatliche Zuverlässigkeit schwindet. Das ist keine wirtschaftliche Beobachtung. Das ist eine politische Warnung.
Die im Beitrag genannten Werte zur Mittelschicht stammen aus unterschiedlichen Untersuchungen und teilweise unterschiedlichen Definitionen. OECD/Bertelsmann Stiftung (2019): Middle Income Groups; Institut der deutschen Wirtschaft; ALLBUS 2023; Statistisches Bundesamt / EU-SILC 2025. Der „Wespentaillen-Effekt“ ist ein analytisches Modell von quo vadis Deutschland – keine statistisch exakt belegte Eins-zu-eins-Abbildung der deutschen Gesellschaft.